Dylan Ferrandis hört auf: Vom MXGP-Fahrer zum AMA-Champion

Dylan Ferrandis beendet seine Profikarriere

Dylan Ferrandis beendet seine Profikarriere. / Foto: Feld Entertainment

Dylan Ferrandis hat in den USA fast alles gewonnen, was ein Fahrer gewinnen kann – nur ausgerechnet ein 450SX-Sieg fehlt in seiner Bilanz. Am kommenden Wochenende endet beim SMX-Finale die Profikarriere des 32-jährigen Franzosen. Zeit, weniger auf die üblichen Abschiedsworte und mehr auf das zu schauen, was Ferrandis seit seinem Wechsel in die USA tatsächlich erreicht hat.

Ferrandis machte seinen Entschluss am Dienstag öffentlich. Das SMX-Finale wird sein letztes Rennen als Profi. Seit seinem dritten Lebensjahr sitzt er auf dem Motorrad, schrieb er bei der Bekanntgabe. Dieses Leben sei genau das gewesen, was er sich gewünscht habe. Seine letzte Saison mit Troy Lee Designs Red Bull Ducati möchte er nun gemeinsam mit dem Team zu Ende bringen und die letzten Rennmomente genießen.

Dass der Rücktritt gerade jetzt kommt, war nicht unbedingt zu erwarten, denn offenbar lag Ferrandis sogar die Möglichkeit vor, 2027 bei Ducati weiterzumachen. Zuletzt hatte er allerdings bereits darüber gesprochen, nach einer langen Karriere Nutzen und Risiko einer weiteren Saison gegeneinander abwägen zu müssen. Sein Körper sei müde. Die Entscheidung ist inzwischen gefallen.

Amerika begann 2017 mit Platz sechs

Als Ferrandis 2017 dauerhaft in die USA wechselte, hatte er bereits einige Jahre Motocross-WM hinter sich. Mit Monster Energy Yamaha Star Racing begann anschließend ein komplett neuer Abschnitt.

Sein erstes AMA-Supercross-Rennen beendete er in Minneapolis auf Rang sechs. Drei Rennen später stand er in Daytona als Dritter bereits auf dem Podium. Der erste amerikanische Sieg ließ noch etwas auf sich warten und kam ausgerechnet im Motocross. Am 30. Juni 2018 gewann Ferrandis in Southwick erstmals ein National.

Der Durchbruch im Supercross folgte 2019.

In Seattle gewann er sein erstes 250SX Main Event, nur eine Woche später folgte beim Triple Crown in Houston der nächste Erfolg. Damit war Ferrandis nicht mehr nur schnell genug, einzelne Rennen zu gewinnen. Plötzlich ging es um die Meisterschaft.

Und die schien zunächst Adam Cianciarulo zu gehören.

Ferrandis fuhr in den letzten fünf Veranstaltungen allerdings 2-1-1-2-1. Cianciarulo ging trotzdem mit der besseren Ausgangslage ins Finale nach Las Vegas, verlor dort nach Fehlern aber die Meisterschaft. Ferrandis nahm das Geschenk an und wurde 250SX-West-Champion.

Ein Jahr später musste er niemandem mehr beweisen, dass dieser Titel nur durch Cianciarulos Probleme zustande gekommen war. Ferrandis verteidigte 2020 seine 250SX-West-Meisterschaft und holte anschließend auch den Titel im 250er Pro Motocross.

Drei AMA-Meisterschaften innerhalb von zwei Jahren hatten aus dem ehemaligen MXGP-Fahrer einen der bestimmenden 250er-Piloten in den USA gemacht.

2021 zeigte Ferrandis seine vielleicht beste Seite

Dann kam die 450er.

Wer Ferrandis hauptsächlich mit Supercross verbindet, könnte bei seiner Statistik etwas überrascht sein. Seine größten Erfolge auf der großen Maschine feierte er nicht im Stadion, sondern draußen.

Bereits beim zweiten 450SX-Rennen stand er 2021 auf dem Podium. Im anschließenden Pro Motocross passte dann fast alles zusammen.

Ferrandis war Rookie und traf dort auf Fahrer wie Eli Tomac, Ken Roczen, Cooper Webb, Chase Sexton und erneut Adam Cianciarulo. Letzterer entwickelte sich zu Beginn der Saison zu seinem wichtigsten Gegner, fiel später allerdings verletzungsbedingt aus.

Ferrandis nutzte die Gelegenheit und gewann die Meisterschaft.

Nicht irgendwann nach mehreren Lehrjahren auf der 450er. Gleich in seiner ersten Outdoor-Saison in der Königsklasse.

Gerade rückblickend ist dieser Titel wahrscheinlich der sportliche Höhepunkt seiner Zeit in Amerika. Ferrandis hatte Speed, Fitness und das nötige Selbstvertrauen, um die 450er über eine komplette Outdoor-Saison genau dorthin zu bewegen, wo er sie haben wollte.

2022 sollte die Titelverteidigung mit dem #1 Plate folgen. Eine Verletzung unmittelbar vor Beginn der Pro-Motocross-Saison erledigte dieses Vorhaben allerdings, bevor daraus überhaupt ein richtiger Titelkampf werden konnte.

Danach erreichte Ferrandis nie wieder ganz dieses Niveau.

Warum fehlt ausgerechnet der 450SX-Sieg?

Seine Zahlen machen das ziemlich deutlich. Ferrandis gewann in den USA sechs 250SX Main Events. Dazu kommen 15 Gesamtsiege im Pro Motocross, davon neun in der 250er- und sechs in der 450er-Klasse. Macht zusammen 21 AMA-Siege.

Außerdem stehen 18 Podiumsplatzierungen im 250SX und zwei in der 450SX zu Buche. Im Pro Motocross schaffte er es 40-mal auf das Overall-Podium – 22-mal bei den 250ern und 18-mal bei den 450ern.

Nur ganz oben auf einem 450SX-Podium stand er nie.

Das wirkt bei einem Fahrer mit vier AMA-Titeln zunächst fast etwas merkwürdig. An mangelnder Geschwindigkeit lag es sicherlich nicht. Ferrandis konnte auch im Supercross vorne fahren und stand bereits in seiner ersten 450SX-Saison auf dem Podium.

Aber genau hier unterscheiden sich seine beiden amerikanischen Gesichter.

Draußen konnte Ferrandis seine Fitness, seine Aggressivität und sein Tempo über lange Motos ausspielen. Dort entstanden seine größten Erfolge. Im 450SX reichte es dagegen trotz einzelner starker Abende nie zum Main-Event-Sieg. Diese eine Lücke bleibt. Sie macht seine Bilanz allerdings eher interessanter, als dass sie etwas von ihr wegnimmt.

Der letzte Wechsel führte zu Ducati

Nach seiner Yamaha-Zeit fuhr Ferrandis 2024 und 2025 für Phoenix Racing Honda. Für 2026 folgte noch einmal etwas völlig Neues.

Ducati startete mit Troy Lee Designs sein erstes komplettes amerikanisches 450er-Programm, und Ferrandis wurde einer der Fahrer, die dieses Projekt aufbauen sollten.

Ausgerechnet seine letzte Saison wurde damit noch einmal zu einem Entwicklungsjahr.

Als Justin Barcia während eines großen Teils der Supercross-Saison fehlte, blieb viel Arbeit an Ferrandis hängen. Testen, Daten sammeln, Setup entwickeln und gleichzeitig Rennen fahren. Ducati beschreibt seinen Anteil an der Entwicklung entsprechend deutlich. Gerade seine Fähigkeit, kleine Veränderungen am Motorrad zu erkennen und einzuordnen, sei für das neue Programm wichtig gewesen.

Die großen Ergebnisse blieben trotzdem aus.

Ferrandis beendete die Supercross-Meisterschaft als Elfter und Pro Motocross auf Rang sieben. Sein bestes Overall-Ergebnis der Saison war Platz vier in Hangtown. Dort fuhr er mit 4-6 gleichzeitig das bislang beste Gesamtergebnis des jungen Ducati-Programms ein.

Man kann das als eher unspektakuläres letztes Jahr eines ehemaligen Champions betrachten.

Man kann aber auch sehen, was seine Aufgabe 2026 tatsächlich war. Ferrandis sollte nicht nur Ergebnisse liefern. Er half einem Hersteller, der praktisch bei null begann, die Desmo450 MX unter amerikanischen Bedingungen konkurrenzfähiger zu machen.

Von dieser Arbeit wird Ducati wahrscheinlich noch profitieren, wenn Ferrandis längst nicht mehr am Startgatter steht.

Mehr als seine AMA-Statistik

Und selbst die 21 amerikanischen Siege erzählen nur einen Teil seiner Karriere.

Ferrandis kam schließlich nicht als Nachwuchsfahrer ohne Vorgeschichte in die USA. Zuvor war er bereits jahrelang in Europa und der Motocross-Weltmeisterschaft unterwegs.

Dazu kommen zwei Erfolge, die in keiner AMA-Statistik auftauchen: 2014 und 2018 gehörte er zur französischen Mannschaft, die das Motocross of Nations gewann.

Seine amerikanischen Jahre haben seine Karriere trotzdem verändert.

Aus einem schnellen französischen MXGP-Fahrer wurde ein zweimaliger 250SX-West-Champion, 250-Pro-Motocross-Champion und schließlich 450-Pro-Motocross-Champion. Sechs Supercross-Siege und 15 Outdoor-Gesamtsiege kamen dazu.

Und vielleicht passt es zu Ferrandis, dass er jetzt nicht versucht, noch irgendwie eine weitere Saison dranzuhängen.

Ducati hätte ihn offenbar gerne behalten. Er selbst hat sich anders entschieden.

Beim SMX-Finale kommt deshalb noch ein letzter Start hinzu. Ob daraus sportlich noch etwas Besonderes wird, spielt für seine Bilanz kaum eine Rolle.

21 AMA-Siege, vier amerikanische Meisterschaften und zwei MXoN-Erfolge mit Frankreich stehen bereits fest. Nur der eine 450SX-Sieg, den man einem Fahrer mit seiner Geschwindigkeit eigentlich zugetraut hätte, wird nicht mehr dazukommen.