Deegan räumt Webb ab – und plötzlich brennt es bei Star Racing

Cooper Webb und Haiden Deegan gerieten beim zweiten SMX Playoff aneinander

Cooper Webb und Haiden Deegan gerieten beim zweiten SMX Playoff aneinander. Foto: / Align Media

Cooper Webb hat Haiden Deegan nach Los Angeles nicht einfach nur einen harten Blockpass übelgenommen. Er hat seinem eigenen Teamkollegen praktisch angekündigt, ihm beim SMX-Finale das Leben schwer zu machen. Aus einem Zweikampf um Platz drei ist damit innerhalb weniger Minuten ein ziemlich unangenehmes Thema für Monster Energy Yamaha Star Racing geworden.

Der Auslöser lässt sich zunächst recht nüchtern beschreiben. Deegan war im Rennen schneller als Webb, hatte nach einem eigenen Fehler aber wieder Boden gutzumachen. Als er seinen Teamkollegen erreichte, wollte er vorbei – und der Angriff endete für Webb am Boden.

Dass im Motocross ein Kontakt dazugehört, muss man einem Cooper Webb kaum erklären. Genau das sagte er anschließend selbst. Sein Problem war weniger, dass Deegan aggressiv gefahren war, sondern wie er es getan hatte. „Ich habe nichts gegen aggressives Racing. Aber der fehlende Respekt bei diesem Jungen ist das grundsätzliche Problem.“

Dann wurde Webb noch deutlicher. „Er hat vor niemandem Respekt.“ Das klingt nicht nach dem üblichen Ärger, der zehn Minuten später wieder vergessen ist.

Webb macht daraus mehr als einen Rennzwischenfall

Interessant ist, dass Webb Deegans Geschwindigkeit überhaupt nicht infrage stellte. Im Gegenteil. Er räumte ein, dass sein Teamkollege schneller gewesen sei. Damit wird seine Kritik nachvollziehbarer. Wenn Deegan ohnehin das Tempo für den dritten Platz hatte, warum musste der Angriff gegen den eigenen Teamkollegen so enden?

Webb unterschied anschließend selbst zwischen einem entscheidenden Duell um einen Sieg und der Situation in Los Angeles. Für ihn war die Aktion offenbar unnötig.

Und dann kam der Satz, der Star Racing bis zum Finale beschäftigen dürfte: „Ich habe noch ein Rennen mit diesem Team. Und ich werde verdammt noch mal dafür sorgen, dass er dieses Ding nicht gewinnt.“ Da steckt deutlich mehr drin als ein bisschen Frust nach einem Sturz.

Man sollte daraus allerdings nicht machen, Webb habe angekündigt, Deegan beim Finale abzuschießen. Das hat er nicht gesagt. Er hat aber sehr deutlich gemacht, dass sein Teamkollege von ihm keine Gefälligkeiten erwarten sollte.

Bei einem Finale mit dreifachen Punkten kann schon das reichen.

Deegan entschuldigt sich – irgendwie

Deegan versuchte anschließend ebenfalls nicht, die Aktion als normalen Rennkontakt zu verkaufen. Er bezeichnete seine eigene Fahrweise gegen Webb sogar als „ein bisschen dreckig“.

Seine Erklärung: Nach einem Sturz im Sand sei ihm beim Wiederaufnehmen des Rennens ein anderer Fahrer (in seinem Fall Ken Roczen) gegen die Hand gefahren. Danach habe er kurz die Ruhe verloren. „Ich bin etwas in Panik geraten und bin gegen Coop ein bisschen dreckig gefahren. Das möchte ich einem Teamkollegen eigentlich nicht antun.“

Bis dahin wäre die Sache ziemlich eindeutig.

Dann folgte allerdings noch: „Ich wollte jede Position bekommen, die ich bekommen konnte. Es sind drei Runden. Man muss tun, was man tun muss.“ Entschuldigung auf der einen Seite, Rechtfertigung auf der anderen.

Man kann beides durchaus gleichzeitig nachvollziehen. Deegan steckt mitten im Titelkampf und weiß, wie brutal das kurze SMX-Format Fehler bestraft. Gleichzeitig wusste er offenbar schon unmittelbar nach dem Rennen selbst, dass der Move gegen Webb nicht gerade aus dem Lehrbuch für gute Zusammenarbeit innerhalb eines Teams kam.

Webb sah das offensichtlich genauso – nur deutlich weniger entspannt.

Gab es im Star-Racing-Truck sogar einen Kampf?

Nach dem Rennen wurde die Geschichte noch größer. Rund um den Star-Racing-Truck soll es hoch hergegangen sein. Es kursieren Berichte von einem heftigen Streit, einige Beobachter sprechen sogar von einer körperlichen Auseinandersetzung.

Dafür gibt es in den vorliegenden Informationen allerdings keine belastbare Bestätigung. Das Gerücht sollte deshalb auch genau das bleiben: ein Gerücht. Dass hinter den geschlossenen Türen nicht gerade gemeinsam Pizza bestellt wurde, kann man sich nach Webbs Interview zwar vorstellen. Mehr lässt sich daraus aber nicht machen.

Eigentlich braucht die Geschichte diese zusätzliche Würze auch gar nicht. Webbs öffentlich ausgesprochene Ansage ist schon bemerkenswert genug.

Wie ernst meint Webb seine Ansage?

Sportlich steckt Webb selbst in einer schwierigen Situation. Er bezeichnete sich nach Los Angeles als etwas zu langsam und sah sich ungefähr als viert- oder fünftschnellsten Fahrer des Tages. Seine eigenen Titelchancen schätzt er inzwischen ebenfalls deutlich schlechter ein. Ganz abschreiben will er sie wegen der dreifachen Punkte beim Finale aber nicht.

Damit fährt Webb beim letzten Rennen zunächst einmal für sich selbst.

Was passiert aber, wenn Deegan neben ihm auftaucht? Genau diese Frage hat Webb mit seinem Interview überhaupt erst aufgemacht. Er muss Deegan nicht von der Strecke fahren, um Einfluss auf dessen Titelkampf zu nehmen. Er muss nur das tun, was Deegan in Los Angeles selbst getan hat: um jede Position kämpfen und dabei keinen Gedanken daran verschwenden, dass auf dem anderen Motorrad derselbe Teamname steht.

Für Star Racing könnte das unangenehm werden.

Ausgerechnet der eigene Teamkollege

Deegan geht gemeinsam mit Hunter Lawrence punktgleich als Verfolger von Jorge Prado ins Finale. Prado führt mit 92 Punkten, Lawrence und Deegan liegen jeweils 16 Zähler zurück.

Normalerweise wäre in einer solchen Situation ziemlich klar, worauf ein Team beim Finale achten dürfte: Der Fahrer mit Titelchance sollte nicht ausgerechnet durch den eigenen Mann zusätzliche Probleme bekommen.

Nach Los Angeles ist diese Rechnung nicht mehr ganz so einfach.

Denn Webb hat nicht irgendeinen Konkurrenten kritisiert. Die beiden sind Teamkollegen, trainieren miteinander und Webb bezeichnet sie selbst als Freunde. Gerade deshalb scheint Deegans Aktion bei ihm einen Nerv getroffen zu haben.

Hinzu kommt, dass das Finale Webbs letzter Einsatz für Star Racing sein wird. Seine Aussage bekommt dadurch noch einmal einen anderen Beigeschmack. Viel Rücksicht auf eine zukünftige Zusammenarbeit muss er anschließend jedenfalls nicht mehr nehmen.

Ob sich die Sache während der Woche intern wieder beruhigt, wissen wir nicht. Vielleicht sprechen sich beide aus und beim Finale bleibt von der ganzen Aufregung nicht viel übrig. Vielleicht auch nicht. Wenn Deegan und Webb beim letzten SMX-Rennen wieder um dieselbe Linie kämpfen, dürfte jedenfalls kaum jemand wegschauen.