Chase Sexton und Kawasaki: Viel verändert, trotzdem getrennt
Chase Sexton beim Fotoshooting mit der <Kawasaki KX450F
Warum trennen sich Chase Sexton und Kawasaki nach nur einer Saison, obwohl das Team für seinen Spitzenfahrer ungewöhnlich viel verändert hat? Seit dem 23. Oktober ist der Abschied offiziell. Beide Seiten haben sich nach Angaben von Kawasaki einvernehmlich auf eine Trennung verständigt. Wenige Tage zuvor hatten die Aussagen von Kyle Chisholm in der PulpMX Show bereits erkennen lassen, wie schwierig die Zusammenarbeit geworden war.
Nach außen verabschiedet man sich versöhnlich. Kawasaki erinnert an die beiden 450-Supercross-Siege in Anaheim und Salt Lake City und wünscht Sexton alles Gute für 2027. Der Amerikaner bedankt sich seinerseits beim Team: „Ich weiß den Einsatz jedes Einzelnen sehr zu schätzen und wünsche dem Team und allen Mitarbeitern für die Zukunft das Beste. Wir sehen uns an der Rennstrecke!“
Das passt zumindest in einem Punkt zu Chisholms Schilderungen: An mangelndem Einsatz der Mannschaft ist diese Zusammenarbeit offenbar nicht gescheitert. Chisholm hatte über Monate an Sextons Kawasaki mitgearbeitet und beschreibt ein Team, das zahlreiche Wege ausprobierte, ohne seinem Fahrer dauerhaft das gewünschte Gefühl geben zu können.
Was hätte Kawasaki noch verändern sollen?
Moderator Steve Matthes, selbst früher Mechaniker auf Werksebene, formulierte es in der Sendung deutlich: „Ich habe noch nie ein Werksteam gesehen, das so viel verändert hat.“ Chisholm bestätigte den enormen Aufwand der Mechaniker, Motorenleute und Fahrwerkstechniker.
Es ging dabei um weit mehr als die übliche Abstimmungsarbeit. Getestet wurden unter anderem Gabelbrücken, Offsets, Radnaben, Schwingen, Achspositionen und unterschiedliche Motorhalterungen. Selbst mit der Motorposition wurde laut Chisholm gearbeitet. Hinzu kamen Änderungen an der Elektronik und der Leistungsentfaltung.
Wer Kawasaki vorwirft, stur am eigenen Material festgehalten zu haben, findet in diesen Aussagen wenig Unterstützung. Die Mannschaft war offensichtlich bereit, auch ungewöhnliche Lösungen zuzulassen. Nur wurde aus der langen Liste getesteter Teile kein Paket, mit dem Sexton dauerhaft zufrieden war.
Chisholm beschreibt vor allem ein schweres, zu stark am Boden verankertes Gefühl an der Front. Sexton wollte das Vorderrad leichter empfinden, bevorzugte gleichzeitig aber ein hoch stehendes Heck. Genau diese Kombination machte die Suche nach einer passenden Balance schwierig.
Das Heck abzusenken, hätte die Front entlasten können. Garrett Marchbanks kam nach Chisholms Darstellung mit einer solchen Abstimmung zurecht, seine Kawasaki habe sich vorne weniger schwer angefühlt. Sexton mochte diese Richtung jedoch nicht. Er wollte das Heck dort haben, wo es seinen Vorstellungen entsprach, ohne dafür das schwere Frontgefühl hinnehmen zu müssen.
Man kann darin einen schwer erfüllbaren Wunsch sehen. Für den Fahrer bleibt aber entscheidend, ob er das Bike dahin bewegen kann, wo er es haben will. Eine Änderung, die ein Problem reduziert, hilft wenig, wenn sie ihm an anderer Stelle das Vertrauen nimmt.
Chris Keefer brachte dazu eine mögliche Erklärung ein. Seiner Einschätzung nach belastet Sexton die Front ohnehin stark. Der deutlich auf das Vorderrad ausgerichtete Charakter der Kawasaki könnte ihm deshalb weniger entgegengekommen sein als einem Fahrer mit anderer Gewichtsverteilung. Das ist eine technische Einordnung, keine abschließend belegte Ursache. Sie passt allerdings zu dem Gefühl, das Chisholm bei den Tests beschreibt.
Schnell genug zum Siegen, trotzdem nicht passend?
Auch beim Motor ging es offenbar weniger um fehlende Leistung als um deren Entfaltung. Chisholm störte sich zunächst daran, wie das Triebwerk durch den Drehzahlbereich ging. Es habe schwer und träge gewirkt. Nach seiner Einschätzung war der Motor deshalb nicht zwangsläufig langsam, fühlte sich aber entsprechend an.
Durch die Entwicklungsarbeit sei die Kawasaki deutlich besser geworden. Sexton habe diese Fortschritte ebenfalls anerkannt. Chisholm hielt das erreichte Paket schließlich für gut genug, um damit zu gewinnen – und Sexton lieferte mit seinen beiden Supercross-Erfolgen das passende Argument.
Damit waren seine Schwierigkeiten allerdings nicht automatisch widerlegt. Ein Sieg zeigt, welches Tempo mit einem Motorrad möglich ist. Er sagt weniger darüber aus, wie zuverlässig ein Fahrer dieses Tempo abrufen kann und wie wohl er sich dabei fühlt. Zwei Siege und anhaltende Probleme mit dem Bike schließen sich deshalb nicht aus.
Chisholm nahm Sextons Rückmeldungen jedenfalls ernst. „Viele Dinge, über die er sich beschwert hat, konnte ich selbst spüren“, erklärte er. Gleichzeitig habe er dem Amerikaner gesagt, dass er ihn für gut genug halte, bestimmte Eigenheiten zu überwinden.
Dort lag offenbar ein wesentlicher Konflikt: Kawasaki hatte bereits viel verändert, Sexton fehlte trotzdem weiterhin das entscheidende Gefühl. Wie lange lässt sich unter diesen Voraussetzungen gemeinsam weiterarbeiten, bevor jeder zusätzliche Test auch zur nächsten Belastungsprobe wird?
Die Trennung ist bestätigt, ihre Gründe bleiben unvollständig
Chisholm beschrieb das Verhältnis schon zu Beginn seiner Mitarbeit als angespannt. Er versuchte deshalb auch, bei der Kommunikation zu helfen. Manche Rückmeldungen hätte Sexton aus seiner Sicht klarer formulieren können. Gleichzeitig konnte er nachvollziehen, warum ein Fahrer frustriert ist, wenn er seine Erwartungen auf dem Motorrad nicht erfüllen kann.
Auf der anderen Seite stand eine Mannschaft, die immer mehr ausprobierte und trotzdem keine dauerhafte Zufriedenheit erreichte. Laut Chisholm wuchs die Frustration schließlich auf beiden Seiten. Selbst der Versuch, nach einer Verletzungspause mit etwas Abstand neu anzufangen, habe daran wenig geändert.
Diese Schilderungen liefern einen nachvollziehbaren Hintergrund für den jetzt bestätigten Abschied. Sie sind aber keine offizielle Erklärung für die Vertragsauflösung. Kawasaki und Sexton nennen in ihren aktuellen Mitteilungen keine konkreten Gründe und machen auch die Bedingungen der Trennung nicht öffentlich.
Brock Tickle betonte in der PulpMX Show, dass die Mannschaft durch die umfangreichen Tests viel gelernt habe. Diese Erkenntnisse flössen in die Entwicklung des nächsten Motorrads ein. Kawasaki nimmt aus der schwierigen Saison damit zumindest technische Erfahrungen mit.
Sextons Dank an die Mitarbeiter lässt wiederum erkennen, dass er deren Einsatz öffentlich anerkennt. Über die Frage, ob Fahrer und Motorrad noch hätten zusammenfinden können, wird nun nicht mehr auf der Kawasaki-Teststrecke entschieden. Die Zusammenarbeit ist beendet. Wo Sexton 2027 fährt, geht aus den beiden Abschiedserklärungen noch nicht hervor.
