Warum der MXGP der Schweiz mehr ist als nur ein weiteres Rennen
Die IXS-Tribüne des MXGP der Schweiz ist Jahr für Jahr gut besetzt.
Manchmal braucht es nur einen Moment, um eine gesamte Saison neu zu schreiben. 2025 war genau das in der Schweiz in Frauenfeld der Fall. Runde sechs, ein Drittel der Meisterschaft absolviert – und Tim Gajser lag komfortabel vorne. 78 Punkte Vorsprung auf Lucas Coenen, 27 auf Romain Febvre. Eine komfortable Ausgangslage. Eine, die normalerweise reicht. Dann kam der Sturz, der alles veränderte.
Plötzlich war alles offen. Genau dieses Szenario schwingt auch 2026 wieder mit. Denn Frauenfeld ist kein Rennen wie jedes andere – es ist ein Punkt, an dem sich Dynamiken verschieben. An dem aus Kontrolle Chaos werden kann.
Startgatter füllen sich – ein wichtiges Signal
Nach einem eher verhaltenen Saisonstart mit dünner besetzten Starterfeldern zeigt sich nun ein anderes Bild.
Mit der dritten Runde der Meisterschaft beginnen sich die Startgatter spürbar zu füllen. In der MXGP-Klasse wird in Frauenfeld erstmals ein volles Feld mit 40 Fahrern erwartet. Ein klares Zeichen, dass die Serie nach anfänglichen Schwierigkeiten wieder an Breite gewinnt.
Auch die MX2 zieht nach: Stand jetzt rollen 33 Fahrer und eine Fahrerin ans Gatter – Lotte van Drunen. Nach ihrem Auftritt in Spanien stellt sie sich erneut der männlichen Konkurrenz.
Hartboden als Spielveränderer
Hinzu kommt: Die Schweiz ist in diesem Jahr das erste echte Hartboden-Rennen der Saison. Und genau das macht die Sache so interessant. Bislang konnten sich einige Fahrer auf Bedingungen verlassen, die Fehler verzeihen. Hartboden tut das nicht. Hier geht es um Präzision. Um Linien. Um Gefühl für Traktion – und darum, wann man eben nicht ans Limit geht.
Das bedeutet auch: Ergebnisse aus den ersten Rennen lassen sich nur bedingt übertragen. Frauenfeld ist ein Reset. Kein kompletter – aber ein spürbarer.
Coenen: An der Spitze, aber nicht unangreifbar
Lucas Coenen kommt als Tabellenführer in die Schweiz. Red Plate. Neue Rolle. Neue Erwartungshaltung. Doch seine Führung fühlt sich nicht nach Dominanz an. Eher nach Konstanz in einem Feld, das sich noch nicht sortiert hat. Und genau das macht ihn angreifbar.
Interessant ist dabei der Blick zurück: Es war genau dieses Rennen im vergangenen Jahr, in dem Coenen zum ersten Mal wirklich auf der 450 angekommen schien. 1-1, ein Statement – in einem Moment, in dem andere strauchelten.
Jetzt ist er derjenige, den es zu schlagen gilt.
Herlings: Schnell genug – aber selbst im Weg
Während vorne über Coenen gesprochen wird, ist Jeffrey Herlings eigentlich näher dran, als es die Tabelle vermuten lässt – und genau das ist der Punkt. Denn es fehlt ihm nicht an Speed. Es fehlen ihm die Punkte.
Zweimal ohne Zähler im Qualifying-Rennen – und genau diese verpassten Chancen sorgen aktuell dafür, dass er nicht mit der Red Plate nach Frauenfeld reist. Nicht, weil er nicht schnell genug wäre. Sondern weil er sie sich selbst hat liegen lassen. Das Muster ist klar: Sonntags funktioniert es. Samstags nicht.
Und auf einer Strecke wie Frauenfeld wird genau das zum Problem. Denn wer sich am Samstag keine gute Ausgangsposition erarbeitet, fährt am Sonntag hinterher – unabhängig von der reinen Pace. Die spannende Frage ist also nicht, ob Herlings schnell genug ist. Sondern ob er aufhört, sich selbst im Weg zu stehen.
Frauenfeld bleibt ein Streitpunkt
So spannend das sportliche Bild ist, so kritisch bleibt der Blick vieler Fans auf die Strecke selbst. Frauenfeld funktioniert – aber es begeistert nicht jeden. Der Vorwurf steht seit Jahren im Raum: zu stark von Starts abhängig, weniger Flow, weniger Unvorhersehbarkeit und teilweise gefährlich, wie Tim Gajser 2025 schmerzhaft erfahren musste.
Gerade im Vergleich zu klassischen MXGP-Strecken fehlt vielen das gewisse Etwas.
Und doch liegt genau darin eine gewisse Ironie. Denn gerade diese Eigenschaften machen das Rennen so entscheidend. Wer hier gewinnt, hat sich unter klar definierten, aber anspruchsvollen Bedingungen durchgesetzt. Nicht spektakulär – aber effizient.
MX2: Mehr Fragezeichen als Antworten
Auch in der MX2-Klasse gibt es aktuell mehr Fragen als klare Antworten. Camden McLellan steht vorne – und das nicht zufällig. Aber auch nicht unantastbar. Der Sturz in Argentinien hat gezeigt, dass selbst er Punkte liegen lässt.
Gleichzeitig fehlten in Spanien die gewohnten Ausrufezeichen von Simon Längenfelder und Co. Kein Einbruch – aber auch kein klares Absetzen. Es wirkt, als würde das Feld noch suchen. Nach Hierarchie. Nach Konstanz. Nach dem Fahrer, der mehr als nur ein starkes Wochenende liefern kann.
Und genau deshalb könnte Frauenfeld auch hier zur Richtungsentscheidung werden.
Der Moment, in dem sich alles verschiebt
Der MXGP der Schweiz ist kein Saisonhighlight im klassischen Sinne. Keine legendäre Naturstrecke, kein ikonisches Layout. Aber vielleicht genau deshalb so wichtig. Weil hier andere Faktoren zählen. Weil hier kleine Fehler große Auswirkungen haben. Und weil die Vergangenheit gezeigt hat, wie schnell sich alles verändern kann.
Oder anders gesagt: Frauenfeld ist kein Ort, an dem man die Saison gewinnt. Aber einer, an dem man sie verlieren kann.
