Supercross Stuttgart 2026: Was bleibt in Erinnerung?

Supercross Stuttgart 2026

Supercross Stuttgart 2026

Zwei ausverkaufte Abende, 16.950 Zuschauer, französische Sieger und deutsche Fahrer, die stellenweise für mehr Gesprächsstoff sorgten als die späteren Gewinner. Das 42. ADAC Supercross Stuttgart ist Geschichte. Und während Maxime Desprey und Jules Pietre ihre Pokale mit nach Frankreich nehmen, bleiben einige Szenen in Erinnerung, die in den Ergebnislisten nur bedingt ihren Platz finden.

Denn Stuttgart hatte in diesem Jahr einiges zu bieten. Einen SX1-Fahrer, der der Konkurrenz kaum eine Chance ließ. Einen deutschen SX2-Piloten, der plötzlich das Finale anführte. Und einen Nachwuchswettbewerb, der nach seinem ersten Auftritt im vergangenen Jahr inzwischen zu einem der wichtigsten Bestandteile des Veranstaltungskonzepts geworden ist.

Maxime Desprey – zwei Abende, zwei Siege, keine Diskussion

Wer Maxime Desprey am Freitagabend beobachtete, dürfte schnell gemerkt haben, dass der Franzose nicht nach Stuttgart gekommen war, um sich mit einem Podestplatz zufriedenzugeben. Schon im ersten SX1-Finale setzte er sich früh ab und überquerte die Ziellinie mit 14 Sekunden Vorsprung.

Am Samstag folgte die Bestätigung dessen, was sich am Vortag bereits angedeutet hatte. Wieder gewann Desprey, wieder mit deutlichem Abstand zur Konkurrenz. Zwei Starts, zwei Siege und damit der Titel „König von Stuttgart“.

„Es war ein perfektes Wochenende für mich. Ich habe mich sehr wohl gefühlt auf dem Bike und auf der Strecke“, erklärte der 33-Jährige anschließend.

Bemerkenswert ist, dass Desprey bereits 2023 in Stuttgart erfolgreich war, damals allerdings noch in der SX2. Drei Jahre später steht er nun auch in der Königsklasse ganz oben.

Hinter ihm sicherte sich Ryan Breece den zweiten Platz der Gesamtwertung. Der US-Amerikaner, selbst bereits 2019 „König von Stuttgart“, zeigte vor allem am Freitag Kampfgeist, als er sich im Finale gegen Mitchell Harrison durchsetzte. Adrien Escoffier komplettierte als Dritter das Gesamtpodium.

So richtig gefährlich wurde Desprey allerdings keiner seiner Konkurrenten. Dafür war der Franzose an beiden Abenden schlicht zu schnell.

Nico Koch: Der Speed war da, die Ergebnisse nicht

Aus deutscher Sicht dürfte vor allem Nico Koch mit gemischten Gefühlen auf das Wochenende zurückblicken. Der Braunschweiger zeigte bereits am Freitag mit seinem Sieg im Qualifikationsrennen, dass er das Tempo für eine gute Platzierung durchaus mitgehen konnte.

Doch im Finale war die Ausgangslage nach wenigen Augenblicken eine andere. Ein Sturz in der ersten Runde warf ihn zurück, am Ende blieb nur Platz zehn.

Am Samstag verlief es nicht wesentlich besser. Erneut verhinderte ein Sturz ein Ergebnis, das seinem zuvor gezeigten Speed entsprochen hätte. In der Gesamtwertung bedeutete das Rang acht.

Natürlich gehören Stürze zum Supercross. Gerade auf einer technisch anspruchsvollen Strecke wie in Stuttgart kann ein kleiner Fehler ausreichen, um ein Rennen praktisch zu entscheiden. Trotzdem dürfte Koch wissen, dass an diesem Wochenende mehr möglich gewesen wäre.

Denn sein Problem war offensichtlich nicht die fehlende Geschwindigkeit. Vielmehr gelang es ihm nicht, diese über die entscheidenden Finalläufe in entsprechende Ergebnisse umzusetzen.

Für Stefan Ekerold und Mark Scheu endete das Wochenende ebenfalls ohne SX1-Finalteilnahme. Beide kamen weder am Freitag noch am Samstag über den Hoffnungslauf hinaus. Scheu konnte sich zumindest über eine erkennbare Leistungssteigerung am zweiten Abend freuen, auch wenn der erhoffte Finaleinzug ausblieb.

Paul Bloy: Ein paar Runden lang gehörte Stuttgart ihm

Eine der Szenen, die vom Freitagabend hängen bleiben dürften, lieferte Paul Bloy. Der Biberacher hatte bereits seinen Qualifikationslauf gewonnen und stand anschließend im SX2-Finale plötzlich an der Spitze.

Und das nicht nur für ein paar Meter nach dem Start. Bloy führte das Rennen mehrere Runden an, während Mickael Lamarque hinter ihm zunehmend Druck machte. Erst in Runde acht musste der Deutsche den Franzosen passieren lassen.

Danach wurde es für Bloy schwieriger. Auch Jules Pietre und schließlich Noah Ludwig zogen vorbei. Aus der zwischenzeitlichen Führung wurde am Ende Platz vier. „Mir ist am Ende die Puste ausgegangen. Das Tempo konnte ich nicht halten“, erklärte Bloy anschließend.

Eine ehrliche Einschätzung, die allerdings nichts daran ändert, dass seine Vorstellung zu den erfreulichen Momenten des Wochenendes gehörte.

Denn wann sieht man bei einem internationalen Supercross in Deutschland schon einmal einen einheimischen SX2-Fahrer, der über mehrere Runden das Finale anführt?

Bloy hat gezeigt, dass er den Speed besitzt, um zumindest phasenweise mit den französischen Spitzenfahrern mitzuhalten. Gleichzeitig wurde deutlich, woran er noch arbeiten muss: Dieses Tempo über die gesamte Renndistanz aufrechtzuerhalten.

Mit Platz fünf in der Gesamtwertung dürfte er deshalb sowohl zufrieden als auch ein wenig enttäuscht sein. Schließlich hatte er am Freitag selbst erlebt, wie sich die Führung in einem SX2-Finale anfühlt.

Jules Pietre bleibt der Prinz von Stuttgart

Während Bloy am Freitag für die deutsche Führung sorgte, entwickelte sich dahinter ein französisches Duell um den Sieg. Mickael Lamarque hatte zunächst die bessere Ausgangsposition, doch Jules Pietre arbeitete sich nach einem schwachen Start kontinuierlich nach vorne.

Kurz vor dem Ziel übernahm Pietre schließlich die Führung und gewann das erste SX2-Finale des Wochenendes.

Am Samstag machte er seinen zweiten Titelgewinn in Folge perfekt. Damit durfte sich der Franzose erneut als „Prinz von Stuttgart“ feiern lassen. „Es ist unglaublich, ich bin sehr glücklich“, sagte Pietre bei der Siegerehrung.

In der Gesamtwertung folgten Lamarque und der US-Amerikaner Jesson Turner auf den Plätzen zwei und drei.

Für die deutschen Fahrer war die SX2 dennoch eine der erfreulicheren Klassen. Neben Bloy erreichte auch Noah Ludwig an beiden Abenden das Finale und belegte in der Gesamtwertung Rang vier. Am Freitag stand er sogar als Dritter auf dem Podium.

Am Samstag verhinderte allerdings ein Sturz in der ersten Runde eine weitere gute Platzierung.

Auch Oskar Romberg machte auf sich aufmerksam. Nach seiner Finalteilnahme am Freitag lag er am Samstag im Hoffnungslauf aussichtsreich auf Rang zwei, ehe ihn der bereits überrundete Liam Bruneau ausbremste und damit seine Chance auf den erneuten Finaleinzug zunichtemachte.

Gerade solche Situationen gehören zu den bitteren Seiten des Supercross. Manchmal entscheidet nicht einmal ein eigener Fehler darüber, ob man später im Finale steht oder von außen zuschauen muss.

SX Next: Aus einem Versuch ist eine echte Bank geworden

Als die SX Next im vergangenen Jahr erstmals in Stuttgart ausgetragen wurde, war noch nicht abzusehen, wie sich das neue Format entwickeln würde. Ein Jahr später lässt sich sagen: Aus dem damaligen Test ist eine echte Bank geworden.

Die Klasse für deutsche Fahrer zwischen 14 und 25 Jahren hat sich ihren Platz im Programm verdient. Und das nicht nur, weil sie zusätzliche Rennen bietet. Vielmehr schafft sie etwas, das dem deutschen Supercross über Jahre gefehlt hat: eine Möglichkeit für Nachwuchsfahrer, sich unter realen Rennbedingungen an diese besondere Disziplin heranzutasten.

Am Freitag setzte sich Max-Werner Breuer durch. Der Rastatter erwischte keinen perfekten Start, fand aber schnell seinen Rhythmus und brachte die Führung über acht Runden ins Ziel. Hinter ihm folgten Carl Massury und Luca Harms.

Am Samstag gehörte die Bühne Pius Bergmann. Nach einem Sturz und dem letzten Platz am Freitag drehte er den Spieß um und gewann das zweite Rennen des Wochenendes. „Gestern war es etwas frustrierend, dass ich nicht zeigen konnte, was ich kann. Heute habe ich direkt nach dem Start einen guten Flow gefunden“, erklärte Bergmann.

Während er an der Spitze weitgehend unbedrängt blieb, lieferten sich Kimi Schmidt und Carl Massury dahinter einen sehenswerten Kampf um Platz zwei, den Schmidt schließlich für sich entschied.

Gerade der Blick auf die Sieger und ihre unterschiedlichen Rennverläufe zeigt, wie wertvoll solche Einsätze sind. Hier lernen junge Fahrer, mit Starts, engen Rhythmussektionen, Zweikämpfen und dem Druck einer großen Zuschauerkulisse umzugehen. Erfahrungen, die sich auf einer gewöhnlichen Motocross-Strecke nur bedingt sammeln lassen.

Und genau an diesem Konzept sollte man in Deutschland unbedingt festhalten, wenn man die seit Jahren anhaltende französische Dominanz irgendwann durchbrechen möchte.

Denn der Vorsprung der Franzosen kommt nicht von ungefähr. In Frankreich besitzt Supercross eine deutlich stärkere Nachwuchsbasis und ist wesentlich fester in der Ausbildung junger Fahrer verankert. Wer dort früh mit dieser Disziplin in Berührung kommt, sammelt über Jahre Erfahrungen, die deutschen Talenten häufig fehlen.

Man kann natürlich weiterhin darauf hoffen, dass sich einzelne deutsche Fahrer mit großem persönlichem Aufwand zu konkurrenzfähigen Supercross-Piloten entwickeln. Nachhaltiger wäre es allerdings, ihnen regelmäßig die Gelegenheit dazu zu geben.

Die SX Next ist dafür ein guter Anfang. Entscheidend wird sein, dass sie nicht nur in Stuttgart und Dortmund eine Zukunft hat, sondern langfristig als fester Bestandteil der deutschen Nachwuchsförderung verstanden wird.

Mit dem gemeinsamen ADAC SX Next Cup für beide Veranstaltungen ist zumindest eine Grundlage geschaffen. Jetzt gilt es, darauf aufzubauen. Denn wer irgendwann wieder deutsche Fahrer regelmäßig auf den Podestplätzen der SX1 und SX2 sehen möchte, muss ihnen zuvor auch die Möglichkeit geben, das Supercross-Fahren von Grund auf zu lernen.

Auch die Jüngsten zeigen ihr Können

In der SX4 setzte sich Ben Maier vom 1. RMC Reutlingen durch. Der junge Fahrer übernahm früh die Führung und kontrollierte das Rennen bis ins Ziel. Nach seinem SX5-Erfolg im vergangenen Jahr durfte er damit erneut einen Sieg in der Schleyer-Halle feiern.

Dahinter belegte Fritz Siegle vom MSC Wieslauftal den zweiten Platz. Melvin Gohlke komplettierte das Podium.

Am Samstag waren dann die jüngsten Teilnehmer der SX5 auf ihren Elektromotorrädern an der Reihe. Luis Ehrlich vom MC Jauer setzte sich mit einem ungefährdeten Start-Ziel-Sieg durch.

Leonie Berger, das einzige Mädchen im Starterfeld, belegte Rang zwei. Den dritten Platz sicherte sich Carl Rosam, der kurz vor Rennende noch an Willi Ortmann vorbeizog.

Gerade diese Rennen zeigen, dass Supercross nicht erst bei den großen Motorrädern beginnt. Für die Kinder ist ein Start vor Tausenden Zuschauern schließlich eine Erfahrung, die sich mit einem gewöhnlichen Nachwuchsrennen kaum vergleichen lässt.

Was bleibt vom 42. Supercross Stuttgart?

Sportlich lässt sich das Wochenende relativ einfach zusammenfassen: Frankreich hatte die SX1 und SX2 fest im Griff. Maxime Desprey war in der Königsklasse praktisch unangreifbar, Jules Pietre verteidigte seinen Titel in der SX2.

Doch wer nur auf die Sieger schaut, übersieht einen wesentlichen Teil der Geschichte.

Da war Nico Koch, dessen Geschwindigkeit deutlich mehr versprach, als Platz acht am Ende widerspiegelt. Paul Bloy, der das SX2-Finale am Freitag mehrere Runden anführte und damit für einen der stärksten deutschen Momente sorgte. Noah Ludwig, der ebenfalls bewies, dass er sich gegen internationale Konkurrenz behaupten kann. Und ein Nachwuchs, der die Gelegenheit nutzte, sich vor großer Kulisse zu präsentieren.

Dazu kamen 16.950 Zuschauer an zwei ausverkauften Abenden sowie eine Freestyle-Show mit Adam Jones, Radek Bílek, Filip Podmol und Marcin Lukaszczyk, die das Programm abrundete.

Für die deutschen SX1-Fahrer blieb die erhoffte Überraschung aus. In der SX2 dagegen gab es durchaus Gründe, optimistisch auf die kommenden Veranstaltungen zu schauen.

Vielleicht liegt die wichtigste Erkenntnis aus Stuttgart aber gar nicht bei den etablierten Fahrern, sondern eine Klasse darunter. Die SX Next hat nach ihrer Premiere 2025 bewiesen, dass sie mehr sein kann als ein zusätzlicher Programmpunkt zwischen den großen Rennen.

Sie bietet eine Perspektive für jene Fahrer, die in einigen Jahren selbst in der SX2 oder SX1 antreten könnten. Und wenn Deutschland den Abstand zur französischen Konkurrenz tatsächlich verkürzen will, braucht es genau solche Möglichkeiten.

Ein einzelnes Rennwochenende wird die Kräfteverhältnisse nicht verändern. Eine konsequent aufgebaute Nachwuchsstruktur über mehrere Jahre könnte es dagegen durchaus.

Stuttgart hat gezeigt, dass die Grundlage dafür vorhanden ist. Jetzt sollte man sie auch nutzen.