Supercross in Deutschland: Die Inflation frisst die Preisgelder auf
Jordi Tixier wird auch in diesem Jahr wieder am gatter des Supercross Stuttgart stehen. Doch diesmal mit einer Yamaha
Was sind zwei Siege bei einem Supercross in Deutschland heute eigentlich noch wert? Wer sich die Preisgeldverteilung für die 42. Ausgabe des Supercross Stuttgart am 6. und 7. November anschaut, stellt fest, dass sich seit der Saison 2019/2020 nichts verändert hat. Die Fahrer kämpfen noch immer um dieselben Beträge wie vor sieben Jahren. Nur ist das Leben inzwischen deutlich teurer geworden.
Besonders deutlich wird das in der SX2. Wer in Stuttgart beide Finals gewinnt, erhält insgesamt 1.200 Euro. In der SX1 kann ein Fahrer mit zwei Tagessiegen und dem Gewinn der Wochenendwertung dagegen bis zu 5.900 Euro kassieren.
Dass die Königsklasse besser bezahlt wird, ist nachvollziehbar. Weshalb die Preisgelder allerdings seit sieben Jahren unverändert geblieben sind und warum die SX2 keine zusätzliche Wochenendprämie erhält, wollten wir vom ADAC Württemberg wissen. Inzwischen liegt uns eine Stellungnahme des Veranstalters vor. Darin bestätigt der ADAC die unveränderte Preisgeldstruktur, sieht aufgrund der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen derzeit aber keine Möglichkeit für eine Anpassung.
Seit 2019 dieselben Preisgelder
Schauen wir zunächst auf die Zahlen. In der SX1 bringt ein Tagessieg 1.000 Euro, für Platz zwei gibt es 750 Euro und für Rang drei 600 Euro. Dazu kommt die Wochenendwertung, für die weitere 3.900 Euro an den Gesamtsieger ausgeschüttet werden. Selbst der Zehntplatzierte erhält hier zusätzlich 800 Euro.
In der SX2 sieht es bescheidener aus. Ein Tagessieg bringt 600 Euro, Platz zwei wird mit 500 Euro belohnt und für Rang drei gibt es 450 Euro. Eine zusätzliche Prämie für die Wochenendwertung ist nicht vorgesehen.
Was sich auf dem Papier nicht verändert hat, sieht unter Berücksichtigung der Inflation allerdings anders aus. Legt man die Verbraucherpreisindex-Daten des Statistischen Bundesamtes (Destatis) zugrunde und rechnet für den Zeitraum von 2019 bis Herbst 2026 mit einem Preisanstieg von rund 26,4 Prozent, haben die damaligen Beträge heute eine deutlich geringere Kaufkraft. Der genaue Inflationswert hängt vom gewählten Vergleichsmonat ab.
Um sich heute noch genauso viel leisten zu können wie 2019, müssten aus den maximal möglichen 5.900 Euro in der SX1 inzwischen rund 7.458 Euro geworden sein. Bei den SX2-Piloten wären statt 1.200 Euro etwa 1.517 Euronotwendig.
Die Preisgelder wurden also nicht gekürzt, haben real aber rund ein Fünftel ihrer ursprünglichen Kaufkraft verloren. Dabei handelt es sich lediglich um die allgemeine Preisentwicklung. Wie stark sich einzelne Ausgaben für Motorräder, Ersatzteile, Reifen, Kraftstoff oder Hotelübernachtungen verändert haben, ist darin nicht gesondert berücksichtigt.
Wie viele Bier wären das eigentlich?
Machen wir die Inflationsgeschichte etwas anschaulicher. Nehmen wir an, ein halber Liter Bier hätte 2019 in Stuttgart vier Euro gekostet. Für die maximal möglichen 5.900 Euro hätte sich ein SX1-Pilot damals stolze 1.475 Halbe leisten können.
Rechnen wir auf diesen angenommenen Bierpreis die allgemeine Inflation von 26,4 Prozent drauf, kostet der halbe Liter heute rund 5,06 Euro. Für dasselbe Preisgeld gibt es damit nur noch ungefähr 1.167 Bier. Das sind immerhin 308 Halbe weniger.
Bei den SX2-Piloten fällt die Rechnung noch ernüchternder aus. Ihre 1.200 Euro hätten 2019 für 300 Halbe gereicht. Heute wären es unter denselben Annahmen nur noch rund 237.
Natürlich handelt es sich dabei lediglich um ein Rechenbeispiel. Die tatsächlichen Getränkepreise müssen sich nicht genauso entwickelt haben wie der allgemeine Verbraucherpreisindex. Aber der Vergleich zeigt recht anschaulich, was sieben Jahre ohne Preisgeldanpassung bedeuten.
Wobei die Fahrer nach einem solchen Wochenende vermutlich ohnehin andere Ausgaben haben, als ihr Preisgeld an der Theke zu lassen.
Und dann kommt noch das Finanzamt
Denn die 1.200 Euro für zwei SX2-Siege sind zunächst einmal Einnahmen. Wie viel davon tatsächlich übrig bleibt, hängt von verschiedenen Faktoren ab.
Auch Preisgelder können steuerpflichtig sein. Würde man beispielhaft einen Abzug von 32 Prozent auf den gesamten Betrag ansetzen, blieben 816 Euro. Das ist ausdrücklich keine allgemeingültige Steuerberechnung, denn die tatsächliche Belastung hängt unter anderem von den abzugsfähigen Betriebsausgaben und der individuellen steuerlichen Situation ab.
Hinzu kommen die Kosten für das Rennwochenende. Wer mit dem Transporter nach Stuttgart fährt, benötigt Kraftstoff und möglicherweise eine Unterkunft. Das Motorrad muss vorbereitet werden, Reifen und Ersatzteile kosten Geld, und vielleicht reist auch noch ein Mechaniker mit.
Zwar erhalten manche Fahrer Verpflichtungsgelder, werden von ihren Teams unterstützt oder verfügen über entsprechende Sponsorenverträge. Wie diese Vereinbarungen im Einzelnen aussehen, lässt sich von außen allerdings kaum beurteilen.
Gerade bei jungen SX2-Piloten sollte man nicht automatisch davon ausgehen, dass sämtliche Ausgaben übernommen werden. Wer einen großen Teil seines Rennprogramms selbst finanzieren muss, kann trotz zweier Finalsiege am Ende mit einer überschaubaren Summe nach Hause fahren.
Früher gab es ein Auto oder ein Motorrad
Wer schon länger beim deutschen Supercross dabei ist, erinnert sich vielleicht noch an andere Zeiten. Damals erhielt der Gewinner des ADAC SX Cup in der SX1 ein Auto, während sich der Gesamtsieger der SX2 über ein Motorrad freuen durfte.
Dafür musste man natürlich eine komplette Meisterschaft gewinnen. Die Fahrzeuge gab es nicht für einen einzelnen erfolgreichen Abend in Stuttgart. Trotzdem waren es attraktive Preise, die dem Kampf um den Gesamtsieg einen zusätzlichen Reiz verliehen.
Heute gibt es solche Prämien nicht mehr. Besonders in der SX2 fällt auf, dass selbst ein erfolgreicher Auftritt über beide Veranstaltungstage hinweg nicht zusätzlich honoriert wird.
Warum gibt es in der SX2 keine Wochenendprämie?
Genau hier liegt einer der Punkte, die bei der aktuellen Preisgeldverteilung schwer nachzuvollziehen sind. Während in der SX1 sogar der Zehntplatzierte der Wochenendwertung noch 800 Euro zusätzlich erhält, geht der SX2-Gesamtsieger in dieser Hinsicht leer aus.
Die Fahrer der kleineren Klasse müssen dieselbe Strecke bewältigen, absolvieren ihre Trainings, Qualifikationen und Finals und kämpfen ebenfalls gegen internationale Konkurrenz. Wer schon einmal ein enges SX2-Finale in Stuttgart gesehen hat, weiß, dass dort nicht gerade gemütlich Motorrad gefahren wird.
Natürlich haben etablierte SX1-Piloten häufig einen höheren Marktwert. Sie sind bekannter, verfügen über mehr Erfahrung und können für den Veranstalter wichtige Zugpferde sein. Eine unterschiedliche Bezahlung der Klassen ist deshalb durchaus verständlich.
Zwischen einer höheren Prämie für die Königsklasse und dem vollständigen Verzicht auf eine SX2-Wochenendwertung liegt allerdings ein Unterschied.
Schließlich soll die SX2 auch jungen Fahrern die Möglichkeit bieten, sich weiterzuentwickeln und für höhere Aufgaben zu empfehlen. Gerade für diese Piloten kann eine zusätzliche Prämie finanziell durchaus etwas ausmachen.
ADAC Württemberg: Gestiegene Kosten begrenzen den Spielraum
Wir haben den ADAC Württemberg mit der seit 2019 unveränderten Preisgeldverteilung konfrontiert und um eine Stellungnahme gebeten. Der Veranstalter bestätigt, dass die Beträge seit der Saison 2019/2020 nicht angepasst wurden. Nach eigenen Angaben werde die wirtschaftliche Situation der Veranstaltung regelmäßig überprüft, wobei auch die Preisgelder berücksichtigt würden.
Als wesentlichen Grund für die bisher ausgebliebene Erhöhung nennt der ADAC die gestiegenen Veranstaltungskosten. Insbesondere in den Bereichen Technik, Infrastruktur und Organisation hätten sich die finanziellen Rahmenbedingungen seit 2019 deutlich verändert.
Gleichzeitig verweist der Veranstalter auf die gestiegene Sichtbarkeit des Supercross Stuttgart, von der auch Fahrer und Teams durch zusätzliche Präsenz profitieren würden.
Ein weiterer Punkt ist die Finanzierung über die Eintrittskarten. Der ADAC möchte die Veranstaltung wirtschaftlich tragfähig halten, ohne die Ticketpreise für die Zuschauer übermäßig anzuheben. Die Einnahmen aus dem Kartenverkauf seien ein wichtiger Bestandteil des Budgets und würden für die Durchführung benötigt.
Daraus ergebe sich derzeit nur ein begrenzter finanzieller Spielraum für höhere Preisgelder.
Der ADAC betont außerdem, dass die gestiegenen Ausgaben der Fahrer und Teams durchaus bekannt seien. Allerdings müsse die Preisgeldverteilung immer im Zusammenhang mit der gesamten Finanzierung betrachtet werden.
Als Entlastung führt der Veranstalter an, dass Teams beim Supercross Stuttgart weder Nenngeld noch Gebühren für das Fahrerlager bezahlen müssen.
Eine Änderung der Preisgelder ist deshalb vorerst nicht vorgesehen. Der ADAC Württemberg erklärt dazu ausdrücklich:
„Vor diesem Hintergrund gibt es derzeit keine konkreten Planungen für eine Anpassung der Preisgeldstruktur.“
Ist die aktuelle Verteilung trotzdem noch zeitgemäß?
Die Argumentation des ADAC ist nachvollziehbar. Ein Hallensupercross verursacht erhebliche Kosten, und auch die Veranstalter sind von den Preissteigerungen der vergangenen Jahre betroffen. Dass man die Eintrittspreise für die Zuschauer nicht beliebig erhöhen möchte, ist ebenfalls verständlich.
Allerdings müssen auch die Fahrer mit gestiegenen Ausgaben kalkulieren. Wie groß der tatsächliche finanzielle Spielraum des Veranstalters ist, lässt sich ohne Einblick in das Budget nicht beurteilen.
Der Hinweis auf die gestiegene Sichtbarkeit des Supercross Stuttgart ist ebenfalls nicht von der Hand zu weisen. Mehr mediale Präsenz kann für Fahrer und Teams wertvoll sein, insbesondere bei der Sponsorensuche. Nur lassen sich Reifen, Ersatzteile oder Hotelrechnungen nicht mit Reichweite bezahlen.
Dass in Stuttgart weder Nenngeld noch Fahrerlagergebühren erhoben werden, ist für die Teams positiv. Trotzdem bleibt die Frage, weshalb die SX1 eine zusätzliche Wochenendprämie erhält, während der Gesamtsieger der SX2 leer ausgeht. Darauf geht der ADAC in seiner Stellungnahme nicht konkret ein.
Es müsste ja nicht gleich wieder ein Motorrad für den SX2-Sieger sein. Schon eine kleinere Prämie für die Wochenendwertung wäre ein Anfang. Zumal selbst eine allgemeine Preisgelderhöhung um 26,4 Prozent lediglich die Kaufkraft von 2019 wiederherstellen würde.
Anfang November werden die Fahrer in der Stuttgarter Schleyer-Halle wieder um jeden Platz kämpfen. Der ADAC hat inzwischen erklärt, weshalb er derzeit keinen Spielraum für höhere Preisgelder sieht. Ob eine seit sieben Jahren unveränderte Verteilung den Leistungen und finanziellen Belastungen der Fahrer noch gerecht wird, darf man trotzdem hinterfragen.
