Sexton und Kawasaki: Wer trägt die Schuld?

Chase Sexton beim Anaheim 2 Supercross, das er auf der Kawasaki gewinnen konnte

Chase Sexton beim Anaheim 2 Supercross, das er auf der Kawasaki gewinnen konnte. / Foto: Align Media

Zwei vorzeitig beendete Verträge, zwei ehemalige Champions und ein Hersteller, der sich unangenehme Fragen gefallen lassen muss. Nach Jorge Prado hat auch Chase Sexton Monster Energy Kawasaki nach nur einer Saison verlassen. Doch wer trägt die Verantwortung für das Scheitern? Während David Vuillemin und Jeremy McGrath die Ursachen zumindest teilweise bei Sexton selbst sehen, nimmt Vital-MX-Journalist Lewis Phillips den japanischen Hersteller ins Visier. Und mit Ricky Carmichael und Ryan Villopoto kommen zwei weitere ehemalige Champions ins Spiel, deren grundsätzliche Ansichten zur Motorradabstimmung die Diskussion um eine interessante Frage erweitern.

Muss ein Werksteam seinem Fahrer ein Motorrad zur Verfügung stellen, mit dem er sich rundum wohlfühlt? Oder gehört es zu den Fähigkeiten eines Spitzenpiloten, auch mit einer Abstimmung schnell zu sein, die nicht in jeder Situation perfekt funktioniert?

David Vuillemin: Das Problem zieht sich durch Sextons Karriere

David Vuillemin ist nicht dafür bekannt, seine Meinung besonders vorsichtig zu formulieren. Auch bei der Trennung zwischen Chase Sexton und Kawasaki findet der ehemalige Grand-Prix- und Supercross-Pilot deutliche Worte.

Für den Franzosen spielt es kaum eine Rolle, bei welchem Hersteller Sexton künftig unter Vertrag steht. Die eigentlichen Schwierigkeiten sieht er in den Entscheidungen des Amerikaners bei der Abstimmung seiner Motorräder.

„Sein nächstes Team spielt eigentlich keine Rolle. Bei Honda hatte er das beste Motorrad und hat es trotzdem immer wieder völlig falsch abgestimmt“, erklärt Vuillemin.

Seiner Ansicht nach wiederholt Sexton unabhängig vom Hersteller dieselben Fehler. „Bei KTM und Kawasaki dasselbe Setup: vorne tief, hinten hoch. Dazu dieselben unverständlichen Stürze. Ein unglaublicher Fahrer, aber eine Katastrophe bei der Wahl seines Setups. Wenn er das nicht ändert, werden sich auch seine Ergebnisse nicht ändern.“

Vuillemin stellt damit keineswegs Sextons fahrerische Fähigkeiten infrage. Vielmehr sieht er einen außergewöhnlich schnellen Piloten, der sich durch seine eigenen Entscheidungen das Leben unnötig schwer macht.

Tatsächlich begleiten Sexton die Diskussionen über seine Fahrwerksabstimmung und wiederkehrende Vorderradstürze bereits seit seiner Zeit bei Honda. Auch der Wechsel zu KTM und anschließend zu Kawasaki hat diese Debatte nicht beendet.

Allerdings bleibt Vuillemins Einschätzung zunächst eine persönliche Bewertung. Ohne Einblick in die tatsächlichen Fahrwerksdaten und die jeweiligen Testprogramme lässt sich von außen kaum beurteilen, ob Sextons Einstellungen tatsächlich die entscheidende Ursache seiner Schwierigkeiten waren.

Jeremy McGrath: „Das ist sein Problem“

Unterstützung bekommt Vuillemin zumindest in Teilen von Jeremy McGrath. Der siebenfache AMA-Supercross-Champion sieht Sextons wiederkehrende Vorderradstürze ebenfalls nicht ausschließlich als Folge technischer Schwierigkeiten. Mit seiner Aussage „That’s a him problem!“ macht der als „King of Supercross“ bekannte Amerikaner deutlich, dass er die Verantwortung zumindest teilweise beim Fahrer sieht.

Dabei verbindet McGrath seine Kritik mit ausgesprochen großem Respekt für Sextons Fähigkeiten. Er zählt ihn zu den schnellsten Motorradrennfahrern überhaupt und bezeichnet ihn zugleich als einen der engagiertesten Athleten, die er je erlebt hat. Gerade diese Kombination macht die Diskussion interessant. An Sextons Geschwindigkeit zweifelt kaum jemand. Auch seine professionelle Einstellung und sein Trainingsaufwand stehen nicht grundsätzlich infrage.

Trotzdem gelingt es ihm nicht immer, seine Geschwindigkeit über eine komplette Renndistanz fehlerfrei umzusetzen.

McGraths Einschätzung deutet darauf hin, dass die Ursache dafür nicht zwangsläufig bei einem bestimmten Motorradmodell zu suchen ist. Schließlich traten vergleichbare Schwierigkeiten bereits bei verschiedenen Herstellern auf.

Damit stehen zwei ehemalige Spitzenfahrer auf einer ähnlichen Seite der Diskussion. Sowohl Vuillemin als auch McGrath sehen Sextons fahrerische Klasse, halten es aber für möglich, dass der Amerikaner selbst einen wesentlichen Anteil an seinen Problemen hat.

Carmichael und Villopoto: Ein perfektes Setup gibt es nicht immer

Einen weiteren interessanten Ansatz liefern Ricky Carmichael und Ryan Villopoto. Die beiden ehemaligen Supercross-Champions beschäftigten sich in ihrem Podcast „Title 24“ mit der Frage, wie Fahrer bei der Abstimmung ihrer Motorräder vorgehen sollten.

Dabei betonten beide die Bedeutung eines soliden Basis-Setups. Schließlich verändern sich die Bedingungen im Motocross und Supercross ständig. Unterschiedliche Bodenverhältnisse, ausgefahrene Spurrillen, wechselnde Streckenlayouts und selbst das Wetter beeinflussen, wie sich ein Motorrad verhält.

Eine Abstimmung, die auf einer Strecke hervorragend funktioniert, muss deshalb am folgenden Wochenende nicht zwangsläufig die beste Wahl sein.

Carmichael und Villopoto sehen es als wichtige Fähigkeit eines Fahrers an, mit diesen Veränderungen umzugehen. Nicht jedes Motorrad kann unter allen Bedingungen perfekt funktionieren. Manchmal muss sich der Fahrer auf das einstellen, was ihm zur Verfügung steht.

Überträgt man diesen Gedanken auf Chase Sexton, ergibt sich eine durchaus berechtigte Frage: Sucht der Amerikaner möglicherweise nach einem Fahrgefühl, das unter ständig wechselnden Rennbedingungen gar nicht dauerhaft erreichbar ist?

Sexton hat bei mehreren Herstellern Schwierigkeiten gehabt, eine Abstimmung zu finden, mit der er sich vollständig wohlfühlt. Vielleicht liegt ein Teil des Problems deshalb auch in seinen Erwartungen an das Motorrad.

Allerdings wäre es falsch, Carmichael und Villopoto damit automatisch zu Sexton-Kritikern zu erklären. Ihre Aussagen beziehen sich grundsätzlich auf die Herangehensweise an die Motorradabstimmung und sind keine direkte Bewertung seiner Situation.

Auch unterscheiden sich Fahrstile erheblich. Was für Carmichael oder Villopoto funktionierte, muss nicht zwangsläufig die richtige Lösung für Sexton sein.

Dennoch ergänzt ihre Sichtweise die Diskussion um einen wichtigen Punkt: Ein konkurrenzfähiges Motorrad muss nicht unter allen Bedingungen perfekt sein. Entscheidend ist auch, wie gut ein Fahrer mit seinen Schwächen umgehen kann.

Lewis Phillips: Kawasaki hat ein wesentlich größeres Problem

Während Vuillemin und McGrath den Blick auf Sexton richten, betrachtet Vital-MX-Journalist Lewis Phillips die Angelegenheit aus einer völlig anderen Perspektive. Für ihn geht es längst nicht mehr um einzelne Stürze oder Schwierigkeiten bei der Fahrwerksabstimmung. Vielmehr stellt er infrage, wie Kawasaki innerhalb kurzer Zeit gleich zwei hochkarätige Fahrer verlieren konnte.

Phillips zieht dafür einen Vergleich mit der Formel 1. Man solle sich vorstellen, Lewis Hamilton würde Ferrari nach nur einer Saison verlassen. Anschließend verpflichtet der Rennstall Max Verstappen, der ebenfalls nach einem Jahr wieder geht.

Ein solches Szenario wäre im internationalen Motorsport kaum vorstellbar. Bei Kawasaki ist nach Phillips‘ Ansicht jedoch genau das passiert. Eigentlich hätte Monster Energy Kawasaki mit Jorge Prado und Chase Sexton über mehrere Jahre eine der prominentesten Fahrerpaarungen im amerikanischen Motocross stellen sollen.

Stattdessen wurden beide Engagements vorzeitig beendet.

Für Phillips war Prados Abgang zunächst noch einigermaßen erklärbar. Der Spanier hatte zuvor ausschließlich Motorräder österreichischer Hersteller gefahren und musste sich zudem an die Besonderheiten des amerikanischen Supercross gewöhnen. Mit Sexton verpflichtete Kawasaki dagegen einen Fahrer, der die amerikanischen Rennserien bestens kannte, bereits Meisterschaften gewonnen hatte und als einer der schnellsten Piloten seiner Generation gilt.

Dass auch diese Zusammenarbeit nach nur einer Saison endete, ist für Phillips deshalb weit mehr als ein weiterer unglücklicher Fahrerwechsel.

Zwei Fahrer, unterschiedliche Voraussetzungen, dasselbe Ergebnis

Phillips sieht vor allem darin ein Warnsignal, dass Prado und Sexton unter völlig unterschiedlichen Voraussetzungen zu Kawasaki kamen. Beide verfügen über verschiedene Fahrstile, unterschiedliche Erfahrungen und individuelle Anforderungen an ihre Motorräder. Dennoch endeten beide Engagements vorzeitig.

Der Journalist sieht darin Hinweise auf grundlegende Schwierigkeiten innerhalb des Werksteams.

Seiner Einschätzung nach hatten beide Fahrer Probleme mit der KX450 und dem Umfeld von Monster Energy Kawasaki. Dass sich ihre jeweiligen Kritikpunkte unterschieden, macht die Situation für den Hersteller aus seiner Sicht sogar noch problematischer. Denn damit lässt sich das Scheitern nicht ohne Weiteres auf eine einzelne technische Schwäche zurückführen.

Besonders kritisch bewertet Phillips die aus seiner Sicht fehlende öffentliche Aufarbeitung der beiden Trennungen. Er vermisst erkennbare Konsequenzen und eine nachvollziehbare Erklärung dafür, weshalb Kawasaki künftig erfolgreicher mit seinen Spitzenfahrern zusammenarbeiten sollte.

Personelle oder strukturelle Veränderungen könnten seiner Meinung nach zumindest zeigen, dass der Hersteller die Situation ernst nimmt. Allerdings muss man auch hier unterscheiden. Dass Kawasaki entsprechende Maßnahmen bislang nicht öffentlich kommuniziert hat, bedeutet nicht zwangsläufig, dass intern keine Veränderungen stattfinden.

Welche Gespräche geführt wurden, welche technischen Probleme tatsächlich bestanden und welche Konsequenzen daraus gezogen werden, lässt sich von außen nur eingeschränkt beurteilen.

Wo endet die Verantwortung des Fahrers?

Genau an dieser Stelle treffen die unterschiedlichen Sichtweisen aufeinander. Vuillemin kritisiert Sextons Setup-Entscheidungen. McGrath sieht die Ursachen seiner wiederkehrenden Stürze zumindest teilweise beim Fahrer. Carmichael und Villopoto betonen grundsätzlich, dass sich Spitzenpiloten auch an ein nicht perfektes Motorrad anpassen müssen.

Phillips stellt dagegen die Frage, weshalb Kawasaki gleich zwei hochkarätige Verpflichtungen nicht zum gewünschten Erfolg führen konnte.

Dabei schließen sich diese Positionen keineswegs gegenseitig aus.

Sexton könnte tatsächlich Schwierigkeiten haben, eine Abstimmung zu finden, die seinem Fahrstil entgegenkommt. Gleichzeitig gehört es zu den Aufgaben eines Werksteams, gemeinsam mit dem Fahrer eine Lösung zu entwickeln. Schließlich werden Werksfahrer nicht verpflichtet, um sich anschließend allein mit den Eigenheiten ihres Motorrads auseinanderzusetzen.

Ingenieure, Fahrwerkstechniker und Fahrer müssen gemeinsam ein Paket erarbeiten, das nicht nur auf einer schnellen Runde funktioniert, sondern auch über eine komplette Renndistanz genügend Sicherheit vermittelt.

Gerade bei Sexton dürfte das Vertrauen ins Vorderrad eine wichtige Rolle spielen.

Doch wie weit muss ein Hersteller dabei gehen? Muss er jede gewünschte Veränderung umsetzen, auch wenn sie aus technischer Sicht möglicherweise nicht sinnvoll erscheint? Oder muss der Fahrer irgendwann akzeptieren, dass sich ein Motorrad nicht vollständig an seine Vorstellungen anpassen lässt?

Diese Fragen lassen sich kaum beantworten, ohne die tatsächlichen Abläufe innerhalb des Teams zu kennen.

2027 könnte für beide Seiten aufschlussreich werden

Mit Blick auf die kommende Saison wird deshalb nicht nur interessant sein, auf welchem Motorrad Sexton seine Karriere fortsetzt. Ebenso aufschlussreich dürfte die Entwicklung bei Kawasaki werden.

Mit Garrett Marchbanks und Malcolm Stewart zeichnet sich eine neue Fahrerpaarung ab. Beide bringen Erfahrung mit, werden allerdings nicht mit denselben unmittelbaren Titelansprüchen in Verbindung gebracht wie Prado und Sexton.

Für Kawasaki könnte eine stabile Saison mit soliden Ergebnissen bereits ein wichtiger Schritt sein.

Hinzu kommt die weiterentwickelte KX450 für 2027. Ob sie tatsächlich die Schwierigkeiten behebt, mit denen Prado und Sexton zu kämpfen hatten, wird sich allerdings nicht ohne Weiteres feststellen lassen. Dafür unterscheiden sich die Anforderungen der Fahrer zu stark.

Noch interessanter dürfte Sextons Entwicklung bei seinem nächsten Arbeitgeber werden.

Sollten ihn die bekannten Schwierigkeiten auch auf einem weiteren Motorrad begleiten, würde das die Argumentation von Vuillemin und McGrath stützen. Findet er dagegen schnell zu seiner früheren Konstanz zurück, dürfte die Diskussion über Kawasakis Anteil an der gescheiterten Zusammenarbeit erneut Fahrt aufnehmen.

Allerdings wäre auch das kein endgültiger Beweis für die eine oder andere Sichtweise.

Denn möglicherweise liegt die Wahrheit weder ausschließlich beim Fahrer noch beim Hersteller.

Die eigentliche Frage ist deshalb nicht nur, warum Chase Sexton bei Kawasaki gescheitert ist. Interessanter ist, weshalb es einem ehemaligen Champion und einem der größten Werksteams im amerikanischen Motocross nicht gelungen ist, gemeinsam eine funktionierende Lösung zu finden.