Die AMA Sünderkartei nach den ersten drei Supercross-Runden
Vince Freise führt die AMA Sünderkartei an. / Foto: Jeff Kardas
Die ersten drei Runden der Monster Energy AMA Supercross 2026 haben früh klargemacht: Nicht nur die Intensität auf der Strecke ist gestiegen, auch der erhobene Zeigefinger der Rennleitung ist wieder voll im Training. Mit dem neuen Lizenz-Strafpunktesystem verabschiedet sich die American Motorcyclist Association vom Prinzip „Ein Rennen, eine Strafe“ und setzt stattdessen auf nachhaltiges Erinnerungsvermögen. Anaheim 1, San Diego und Anaheim 2 dienten dabei gleich als Lehrfilm, wie schnell aus kleinen Ausrutschern ein größeres Punktekonto werden kann.
Flensburg auf Dirt – das neue System in Kurzform
Seit 2026 fährt jeder Pilot mit einem unsichtbaren Punktekonto mit. Regelverstöße werden nicht mehr nur einmalig geahndet, sondern als Lizenzpunkte gespeichert – ähnlich dem bekannten Modell aus Flensburg. Diese Punkte kommen zusätzlich zu klassischen Strafen wie Zeit-, Positions- oder Meisterschaftspunktabzügen und bleiben volle zwölf Monate aktiv. Wer öfter aneckt, sammelt. Wer sammelt, rutscht schneller in unangenehme Regionen.
1–3 Punkte pro Vergehen – Punkte bleiben 12 Monate aktiv
ab 5 Punkten: schriftliche Verwarnung
ab 10 Punkten: letzte Startplatzwahl
ab 15 Punkten: Punktabzug + Geldstrafe
Anaheim 1: Laut gewesen, leise kassiert
Der Saisonauftakt in Anaheim war weniger ein Kräftemessen auf der Strecke als ein Dezibel-Wettbewerb in der technischen Abnahme. Gleich mehrere Fahrer verloren ihre schnellste Qualifying-Runde, weil ihre Bikes akustisch eher Rockkonzert als Supercross klangen. In der 250SX traf es reihenweise Piloten quer durch alle Gruppen, in der 450SX musste unter anderem Justin Hill seine Bestzeit abgeben.
Auch im Main Event blieb das Thema hörbar, als Jorge Prado nach einem nicht bestandenen Soundtest gleich drei Meisterschaftspunkte verlor. Besonders lehrreich war jedoch der Fall Haiden Deegan. Sportlich alles im grünen Bereich, organisatorisch ein kurzer Blackout: Kein TV-Interview, dafür Geldstrafe und ein Lizenzpunkt. Willkommen 2026 – selbst kleine Versäumnisse bekommen jetzt Langzeitwirkung.
San Diego: Ein kurzer Blick nach hinten, zwei Punkte nach vorne
Eine Woche später in San Diego ging es insgesamt ruhiger zu, ganz ohne Eintrag blieb das Rennen aber nicht. Vince Friese missachtete im 450SX-Main Event die Blaue Flagge. Die Strafe wirkte harmlos, fast schon pädagogisch: schriftliche Verwarnung, zwei Lizenzpunkte. Früher hätte man das unter „Notiz für später“ abgeheftet. Heute ist genau das der Punkt – diese Notiz bleibt.
Anaheim 2: Wenn das Punktekonto wächst
Bei Anaheim 2 wurde dann sichtbar, wie das neue System eskaliert, wenn Auffälligkeiten kein Einzelfall bleiben. Erneut stand Vince Friese im Mittelpunkt, diesmal wegen aggressiven und rücksichtslosen Fahrens. Die Quittung fiel deutlich aus: fünf verlorene Meisterschaftspunkte, eine Geldstrafe und weitere Lizenzpunkte. Das neue System funktionierte exakt so, wie es gedacht ist – wer schon auffällt, steht schneller wieder im Fokus.
Zusätzlich erwischte es Mitchell Harrison, der wegen eines Verstoßes gegen den Code of Conduct mit einer Geldstrafe und einem Lizenzpunkt belegt wurde. Auch abseits der Ideallinie gilt 2026: Bitte anschnallen.
Warum diese Strafen mehr sind als nur Statistik
Nach drei Rennen ist klar, dass das neue Lizenz-Strafpunktesystem keine symbolische Maßnahme ist. Die Punkte verschwinden nicht mit dem Abbau der Strecke, sondern begleiten die Fahrer über zwölf Monate hinweg – serienübergreifend. Wer im Supercross sammelt, nimmt sein Konto mit in die Outdoor-Saison und bis in die SMX Playoffs. Muster werden sichtbar, Geduld wird kürzer.
Die bisherige Sünderkartei
Nach drei Runden führt Vince Friese das Punktekonto mit vier Lizenz-Strafpunkten an. Haiden Deegan und Mitchell Harrison stehen jeweils bei einem Punkt. Viele andere Fahrer mussten zwar sportlich oder technisch bezahlen, blieben lizenzpunktmäßig aber noch sauber.
Zwischenfazit
Die Saison 2026 zeigt früh: Geschwindigkeit allein reicht nicht mehr. Zu laute Bikes, zu harte Manöver oder kleine Regelvergesser summieren sich schneller als gedacht. Mal kostet es eine schnelle Runde, mal Meisterschaftspunkte, mal wächst das Punktekonto im Hintergrund.
Oder anders gesagt: 2026 gewinnt nicht nur der Schnellste – sondern auch derjenige, der am wenigsten Post von der AMA bekommt.
