Disqualifikation von Lucas Coenen – warum lies man ihn weiterfahren?
Lucas Coenen wurde in Lauf 1 des MXGP der Schweiz disqualifiziert
Ein Rennen, das früh entschieden war – Wer den MXGP der Schweiz aufmerksam verfolgt hat, kam an dieser Szene nicht vorbei. Lucas Coenen, eines der großen Aushängeschilder von KTM, war eigentlich mit Rückenwind ins Wochenende gestartet. Platz zwei im Qualifying Race hinter Jeffrey Herlings – die Ausgangslage stimmte.
Doch im ersten Wertungslauf kippte das Bild innerhalb weniger Sekunden.
Ein guter Start, dann Chaos in der dritten Kurve – und plötzlich war das Rennen für Coenen praktisch vorbei, bevor es richtig begonnen hatte. Wie schon zuvor bei Mathis Valin sprang in Kurve drei die Kette vom hinteren Ritzel. Ein Defekt, der im Motocross immer wieder vorkommt – und meist das sofortige Aus bedeutet.
Der entscheidende Regelverstoß
Was danach passierte, war der eigentliche Wendepunkt. Coenen schaffte es nicht aus eigener Kraft, das Problem zu beheben. Stattdessen griffen Außenstehende ein und halfen, das Motorrad wieder fahrbereit zu machen.
Genau hier liegt der Knackpunkt.
Fremde Hilfe an der Strecke ist klar untersagt. Die Regel ist eindeutig – und im Fahrerlager auch jedem bekannt. Entsprechend folgerichtig war die daraufhin folgende Disqualifikation. Auch Coenen selbst sieht die Situation differenziert: „Ich hatte den Gang rausgenommen und wollte es selbst lösen. Aber sie haben entschieden, dass ich Hilfe bekommen habe.“ Seinen Aussagen nach, hatte er noch versucht die hinzugeeilten Helfer vom Eingreifen abzuhalten.
Warum ließ man ihn weiterfahren?
Viel interessanter ist eine andere Frage: Warum blieb Coenen überhaupt im Rennen? Denn obwohl der Regelverstoß relativ klar war, fuhr der Belgier weiter – und das nicht nur für ein paar Kurven, sondern den Rest des Rennens. In einem Lauf, der unter diesen Umständen sportlich längst wertlos geworden war.
Keine Punkte mehr möglich, keine Resultate zu retten – dafür aber ein erhebliches Risiko.
Die Bedingungen in Frauenfeld waren alles andere als einfach. Eine Strecke, die Fehler bestraft, ein Feld, das eng zusammenliegt – und mittendrin ein Fahrer, der faktisch bereits aus der Wertung ist. Und genau hier kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Coenen selbst wusste offenbar nicht, dass er bereits disqualifiziert war.
„Niemand hat mir gesagt, dass ich disqualifiziert bin“, erklärte er. „Ich bin von ganz hinten wieder bis auf Platz elf gefahren – ich habe alles gegeben.“
Schwarze Flagge? Bewusste Zurückhaltung
Ein entscheidender Punkt kommt jedoch von offizieller Seite. Rennleiter Ingo Partsch erklärte uns, dass man bewusst auf den Einsatz der schwarzen Flagge verzichtet habe.
Der Hintergrund: Man wolle den Teams die Möglichkeit geben, auch im Nachhinein Einspruch einzulegen – unabhängig davon, ob dieser am Ende Erfolg hat oder nicht. Eine sofortige Disqualifikation per Flagge hätte diesen Spielraum eingeschränkt.
Für Coenen selbst ist genau das ein Problem: „Wenn ich disqualifiziert bin, dann sollte man mir die schwarze Flagge zeigen. Dann weiß ich Bescheid und gehe nicht dieses Risiko ein.“
Informationslage oder Fehlentscheidung?
Intern soll das Team durchaus auf die drohende Disqualifikation hingewiesen worden sein. Dennoch blieb eine klare Reaktion aus. Auch hier liefert Coenen Einblick: „In dem Moment ist mein Team direkt zur FIM gegangen. Sie haben gesagt: Fahrt weiter.“
Das erklärt zumindest teilweise, warum er im Rennen blieb – ändert aber nichts an der grundsätzlichen Problematik. Während man auf eine offizielle Bestätigung wartete, lief das Rennen weiter. Runde um Runde. Und mit jeder Runde wurde klarer, dass hier nichts mehr zu gewinnen war.
Verschwendete Energie – und ein unnötiges Risiko
Als die Disqualifikation schließlich auch im offiziellen Timing auftauchte, war es längst zu spät. Lucas Coenen hatte bereits wertvolle Energie verbrannt – Energie, die im zweiten Lauf hätte eine Rolle spielen können. „Ich bin das komplette Rennen gefahren und habe versucht zurückzukommen“, so Coenen. „Und am Ende zählt es einfach nichts.“
Gerade in einer Meisterschaft, in der Kleinigkeiten den Unterschied machen, ist das ein Faktor, den man nicht unterschätzen darf.
Ein Lehrstück für das Team
Der Fall Coenen ist damit weniger eine Fahrer- als vielmehr eine Teamgeschichte. Der Regelverstoß selbst war klar. Die Konsequenz ebenso. Doch der Umgang damit wirft Fragen auf.
In einer Situation, in der eigentlich sofort reagiert werden müsste, entschied man sich fürs Abwarten. Vielleicht aus Unsicherheit, vielleicht aus dem Versuch heraus, doch noch etwas zu retten.
Am Ende führte genau das zu einer unnötigen Verlängerung eines ohnehin verlorenen Rennens.
Für Lucas Coenen bleibt am Ende ein Wochenende mit einem bitteren Beigeschmack. Nicht wegen der Disqualifikation an sich – sondern wegen allem, was danach passiert ist.
