Die Gewinner und Verlierer des MXGP of Argentina 2026
Andrea Adamo (#80) und Tom Vialle (#16) gehören nach dem MXGP of Argentina zu den Gewinnern der Auftaktveranstaltung. / Foto: Ray Archer
Der Saisonauftakt der Motocross-Weltmeisterschaft 2026 in Bariloche war mehr als nur ein erstes Kräftemessen. Der Grand Prix in Argentinien wirkte wie ein früher Realitätscheck für mehrere ambitionierte Projekte im Paddock. Einige Fahrer und Teams konnten ihre Erwartungen direkt bestätigen – andere mussten bereits nach dem ersten Rennwochenende feststellen, dass zwischen Anspruch und tatsächlicher Performance noch eine spürbare Lücke liegt.
Gewinner
Honda HRC PETRONAS – Ein Projekt, das sofort funktioniert
Der Wechsel von Jeffrey Herlings zu Honda HRC PETRONAS gehörte zu den spannendsten Geschichten der Offseason. Nach Argentinien lässt sich festhalten: Dieses Projekt funktioniert schneller als viele erwartet hatten.
Herlings gewann beide Läufe und sicherte sich damit seinen 113. Grand-Prix-Sieg sowie die erste Red Plate der Saison. Entscheidend war dabei weniger das Ergebnis selbst, sondern die Art und Weise, wie es zustande kam.
Nach einem Sturz im Qualifikationsrennen musste der Niederländer mit einer ungünstigen Startposition leben. Dennoch kontrollierte er das Geschehen am Sonntag nahezu nach Belieben. Im ersten Lauf ließ er seinen Teamkollegen Tom Vialle zunächst ziehen, um in der Schlussphase wieder zuzuschlagen. Im zweiten Rennen arbeitete er sich nach einem Start außerhalb der Top Ten mit beeindruckender Rennpace nach vorne und übernahm erneut kurz vor Rennende die Führung.
Diese Siege wirkten nicht wie riskante Angriffsmomente, sondern wie kontrollierte Rennführung – ein klares Zeichen dafür, dass Herlings und die Honda bereits erstaunlich gut harmonieren.
Auch Tom Vialle überzeugte bei seinem MXGP-Debüt. Der Franzose fuhr konstant vorne mit, führte in beiden Läufen einige Runden das Feld an und liegt punktgleich mit seinem Teamkollegen in der Meisterschaft. Für Honda bedeutet das: Man verfügt plötzlich über zwei Fahrer, die regelmäßig um Podien kämpfen können.
Triumph Factory Racing – Eine der größten Überraschungen des Wochenendes
Wenn man nach der größten positiven Überraschung des Wochenendes sucht, landet man schnell bei Triumph Factory Racing.
Während das Triumph-Projekt in der AMA Supercross-Serie bislang hinter den Erwartungen geblieben ist, präsentierte sich das Werksteam in der MX2-Weltmeisterschaft erstaunlich konkurrenzfähig. In Bariloche standen mit Guillem Farres und Camden McLellan gleich beide Fahrer auf dem Podium.
Farres überzeugte bereits im Qualifikationsrennen mit Rang zwei und bestätigte seine Form am Sonntag mit einem konstant starken Wochenende. Zwei solide Rennen brachten ihm Rang zwei in der Gesamtwertung und damit auch Platz zwei in der Weltmeisterschaft nach dem ersten Grand Prix.
Auch Camden McLellan zeigte ein starkes Rennen. Nach einem Sturz im ersten Lauf kämpfte sich der Südafrikaner noch auf Rang sechs zurück. Im zweiten Lauf lieferte er eine aggressive Aufholjagd und fuhr bis auf Rang zwei nach vorne. Das Ergebnis: Gesamtrang drei und ein Doppelpodium für Triumph.
Für ein Projekt, das erst seit kurzer Zeit im Grand-Prix-Paddock unterwegs ist, ist dieses Resultat mehr als nur ein guter Saisonstart. Es zeigt, dass die TF 250-X inzwischen konkurrenzfähig ist – und dass Triumph in der MX2-Klasse deutlich schneller Anschluss gefunden hat, als viele erwartet hatten.
Simon Längenfelder – Ein Sieg mit Aussagekraft
In der MX2-Klasse setzte Simon Längenfelder eines der deutlichsten sportlichen Ausrufezeichen des Wochenendes. Der Deutsche gewann beide Läufe und feierte damit seinen zehnten Grand-Prix-Sieg – und den ersten seit dem Türkei-GP 2025. Bemerkenswert war dabei vor allem der Kontext. Nach einem Sturz im Qualifikationsrennen musste Längenfelder von ganz außen am Startgatter ins Rennen gehen. Eine Position, die auf einer neuen Strecke normalerweise ein klarer Nachteil ist.
Doch am Sonntag zeigte der KTM-Pilot, dass seine Rennpace über die Distanz aktuell zu den stärksten im Feld gehört. Im ersten Lauf kontrollierte er das Rennen von der Spitze. Im zweiten Lauf musste er zunächst Liam Everts folgen, ehe er in der Schlussphase erneut die Führung übernahm.
Nach einem Jahr, in dem Längenfelder zwar regelmäßig schnell war, aber selten komplette Rennwochenenden dominieren konnte, wirkt dieser Auftakt wie ein klares Signal: Der Deutsche gehört 2026 wieder zu den ernsthaften Titelkandidaten der MX2-Weltmeisterschaft.
Andrea Adamo – Starker Einstand in der MXGP-Klasse
Ein weiterer Gewinner des Wochenendes war Andrea Adamo. Der ehemalige MX2-Weltmeister startet 2026 erstmals in der MXGP-Klasse – und zeigte in Argentinien sofort, dass der Schritt in die 450er-Kategorie funktionieren kann. Die nackten Ergebnisse – 11. und 7. Platz für Rang acht im Gesamtklassement – wirken auf den ersten Blick unspektakulär. Doch die Rennverläufe erzählen eine andere Geschichte.
Im ersten Lauf lag Adamo zeitweise sogar auf Podiumskurs, bevor er im zweiten Rennabschnitt etwas Pace verlor und auf Rang elf zurückfiel. Im zweiten Moto bestätigte er seine Geschwindigkeit erneut und fuhr ein solides Rennen in den Top Ten.
Für einen Rookie in der MXGP-Klasse ist genau diese Konstanz entscheidend. Adamo wirkte weder überfordert noch taktisch unsicher – ein Hinweis darauf, dass er sich schneller an das höhere Tempo der 450er-Klasse angepasst hat als viele erwartet hatten.
Verlierer
Fantic Factory Racing – Ein Auftakt ohne klare Richtung
Deutlich schwieriger verlief der Saisonstart für Fantic Factory Racing. Nach dem dritten Platz von Glenn Coldenhoff in der Weltmeisterschaft 2025 waren die Erwartungen an das Team hoch. Doch beim Saisonauftakt in Argentinien blieb man deutlich hinter diesen Erwartungen zurück.
Brent van Doninck fuhr solide Rennen und landete mit den Plätzen 13 und 11 auf Rang zwölf der Gesamtwertung. Doch genau darin liegt auch das Problem: Die Pace reichte selten über den Bereich um Platz zehn hinaus.
Noch komplizierter verlief das Wochenende für Alberto Forato. Ein Roost-Treffer im Qualifikationsrennen sorgte für Sichtprobleme, am Sonntag folgten mehrere Stürze sowie technische Probleme. Am Ende blieb lediglich Rang 18 im Gesamtklassement.
Für das neu strukturierte Team unter Jacky Martens liefert Argentinien zwar wertvolle Daten – sportlich bleibt der Auftakt jedoch hinter den eigenen Ansprüchen zurück.
Lucas Coenen – Wenn ein gutes Ergebnis kritische Fragen aufwirft
Auf dem Papier wirkt Lucas Coenen mit Rang fünf der Gesamtwertung wie einer der Gewinner des Wochenendes. Doch der Kontext erzählt eine andere Geschichte. Der Belgier ging mit einem massiven Problem am rechten Auge an den Start und musste laut eigener Aussage praktisch mit nur einem funktionierenden Auge fahren. Seine Worte nach dem Rennen bringen es auf den Punkt:
„Riding only with one eye is really tough.“
Trotz dieser Einschränkung fuhr Coenen mit den Plätzen 4 und 6 auf Rang fünf im Gesamtklassement und hielt zeitweise sogar Kontakt zum Podium.
Sportlich ist das beeindruckend – gleichzeitig wirft es eine kritische Frage auf: Ist es sinnvoll, mit stark eingeschränkter Sicht überhaupt an den Start zu gehen? Motocross gehört zu den schnellsten und riskantesten Offroad-Sportarten überhaupt. Tiefenwahrnehmung, Blickführung und Reaktionsfähigkeit sind zentrale Faktoren – genau jene Fähigkeiten, die bei einem Sehproblem massiv beeinträchtigt werden können.
Dass Coenen trotzdem startete, zeigt seinen sportlichen Ehrgeiz. Doch gleichzeitig stellt sich die Frage, ob Fahrer, Team und Medical Staff hier die richtige Risikoabwägung getroffen haben. Ein fünfter Platz wirkt in diesem Zusammenhang fast nebensächlich.
Red Bull Ducati – Zwischen Euphorie und Realität
Beim Red Bull Ducati Factory MXGP Team zeigte sich besonders deutlich, wie groß die Diskrepanz zwischen Ambition und aktuellem Entwicklungsstand noch ist. Am Freitag präsentierte das Team stolz Red Bull als neuen Hauptsponsor – ein klares Signal für die langfristigen Ambitionen des Ducati-Projekts rund um Louis Vosters.
Doch am Sonntag lief sportlich wenig zusammen. Calvin Vlaanderen zeigte zwar starke Rundenzeiten und hatte grundsätzlich den Speed für ein Top-Fünf-Ergebnis. Ein Sturz sowie Schmerzen im Bein verhinderten jedoch ein besseres Resultat. Rang elf im Gesamtklassement blieb unter den Erwartungen.
Andrea Bonacorsi begann das Wochenende sogar vielversprechend und lag im ersten Lauf im Bereich der Top sechs. Ein schwerer Sturz der mit Rippenproblemen endete, beendete jedoch seine Chancen auf ein gutes Ergebnis frühzeitig. Auch Jeremy Seewer fand nie in einen stabilen Rennrhythmus und beendete beide Läufe auf Rang 17.
Das Grundproblem wird dabei schnell sichtbar: Die Ducati zeigt zwar Speed – aber noch keine Stabilität über ein komplettes Rennwochenende hinweg.
Argentinien als erster Realitätscheck
Der MXGP of Argentina hat bereits nach einem Rennwochenende erste klare Trends erkennen lassen. Honda HRC PETRONAS scheint sofort konkurrenzfähig, Simon Längenfelder hat in der MX2-Klasse ein starkes Statement gesetzt und Andrea Adamo deutet an, dass er auch in der MXGP-Kategorie schnell eine Rolle spielen kann.
Andere ambitionierte Programme hingegen stehen früh vor der Aufgabe, ihre Performance zu stabilisieren. Die nächste Standortbestimmung folgt beim MXGP von Spanien in Almonte. Spätestens dort wird sich zeigen, ob Argentinien nur ein schwieriger Auftakt – oder bereits ein realistischer Maßstab für die Saison 2026 war.
