Lappers im Fokus: Wenn Überrundungen zum Risiko werden

Ein volles Fahrerfeld führt auf kurzen Supercross Tracks zu Problemen bei Überrundungen

Ein volles Fahrerfeld führt auf kurzen Supercross Tracks zu Problemen bei Überrundungen. / Foto: Feld Entertainment

Überrundungen gehören im Supercross zum Rennalltag – so selbstverständlich wie Whoops, Rhythm Sections oder Startgeraden. Doch nach dem Triple-Crown-Event rückte das Thema stärker denn je in den Mittelpunkt. Mehrere Spitzenfahrer kritisierten offen den Umgang mit langsameren Fahrern auf der Strecke. Besonders deutlich äußerten sich Eli TomacCooper Webb und Hunter Lawrence.

Tomac schilderte, wie stark der Verkehr seine Rennen beeinflusst habe. Im ersten Lauf arbeitete sich der Yamaha-Pilot bis auf Rang zwei nach vorne, verlor jedoch im dichten Feld mit Überrundeten entscheidende Zeit. Im zweiten Rennen wurde es sogar brenzlig: Dort wäre er beinahe von einem langsameren Fahrer aus dem Rennen genommen worden.

Für den ehemaligen Champion ist das kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem – vor allem auf Strecken mit sehr kurzen Rundenzeiten. „Wenn die Runde unter 50 Sekunden liegt, sollte man nur 15 Fahrer ans Gate lassen“, erklärte Tomac. Der Grund liegt auf der Hand: Einige Fahrer verlieren mehrere Sekunden pro Runde auf die Spitze. Treffen diese großen Geschwindigkeitsunterschiede in schnellen Sprungkombinationen oder Rhythm Sections aufeinander, entstehen Situationen, die kaum noch kalkulierbar sind.

Seine Kritik richtete sich dabei auch indirekt an die Verantwortlichen der Serie. Wenn der Promoter in Kauf nehmen wolle, dass Titelkandidaten durch solche Situationen ausfallen, könne man das System natürlich auch so belassen wie bisher.

Besonders drastisch beschrieb Tomac das Gefühl im Verkehr: Für ihn habe sich das Navigieren durch die Überrundeten an diesem Abend teilweise „wie russisches Roulette“ angefühlt.

Webb fordert Konsequenzen

Auch Cooper Webb stellte sich hinter die Kritik seines Landsmanns – und ging sogar noch einen Schritt weiter. Für den Yamaha-Piloten ist das Problem längst mehr als nur ein Rennfaktor. Er fordert deshalb klarere Maßnahmen von Seiten der Serie. Webb brachte dabei auch eine konkrete Idee ins Spiel: Geldstrafen statt Punktstrafen.

Viele der betroffenen Fahrer kämpfen ohnehin nicht um Meisterschaftspunkte. Finanzielle Sanktionen könnten daher deutlich mehr Wirkung zeigen – und Fahrer dazu bringen, im Umgang mit den Führenden vorsichtiger zu agieren.

Für Webb ist klar: So wie aktuell mit Überrundeten umgegangen wird, sei die Situation nicht akzeptabel.

Lawrence spricht von „Wiederholungstätern“

Auch Hunter Lawrence äußerte sich kritisch über das Verhalten mancher überrundeter Fahrer. Auf einer ohnehin schwierigen Strecke mit ständig wechselnden Linien könnten unberechenbare Bewegungen schnell gefährlich werden.

Der Honda-Pilot sprach dabei sogar von „repeat offenders“ – also Fahrern, die immer wieder in ähnliche Situationen verwickelt seien. Diese Aussage blieb jedoch nicht lange ohne Reaktion.

Cole Thompson kontert – mit Ironie

Denn einer der Fahrer, der in eine Szene mit Lawrence verwickelt war, meldete sich kurz darauf selbst zu Wort: Cole Thompson. Der Kanadier war im Rennen mit Lawrence kollidiert und dabei von der Strecke gedrückt worden. Thompson landete schließlich im Fangnetz neben der Strecke – blieb glücklicherweise unverletzt.

Auf Social Media reagierte der Privatfahrer anschließend mit einer Mischung aus Ironie und Frust auf die Aussagen des Honda-Piloten. Sinngemäß schrieb Thompson, dass er offenbar „nur ein Lapper im Weg“ sei – und dass das wohl bedeute, er seine Karriere beenden und sich einen „richtigen Job“ suchen solle.

Der Kanadier erinnerte dabei daran, unter welchen Bedingungen viele Privatfahrer überhaupt antreten. Er reist mit seinem Van zu den Rennen, hat keinen Mechaniker, bezahlt sein Startgeld selbst und versucht trotzdem, mit den besten Fahrern der Welt zu konkurrieren. „Niemand, der Rennen fährt, will absichtlich den Führenden im Weg stehen“, stellte Thompson klar. „Aber solche Dinge passieren nun einmal.“

Ein Problem über Supercross hinaus

Dass Überrundungen nicht nur im Supercross für brenzlige Situationen sorgen, zeigte sich am vergangenen Wochenende auch in der Motocross-Weltmeisterschaft. Beim Qualifying Race zum MXGP of Argentina in Bariloche erlebte der fünffache Weltmeister Tim Gajser einen Schreckmoment, als er an einem Sprung auf einen überrundeten Fahrer auflief. Während Gajser die Passage komplett sprang, befand sich vor ihm ein langsamerer Fahrer auf der Strecke – die Folge war eine Kollision, die den Yamaha-Piloten zu Boden gehen ließ.

Glück im Unglück: Beide Fahrer konnten das Rennen ohne Verletzungen fortsetzen. Der Vorfall zeigt, wie schnell solche Situationen entstehen können – selbst auf offenen Motocross-Strecken mit deutlich mehr Platz als in einer Supercross-Arena.

Ein Thema, das bleiben wird

Die Aussagen der Fahrer zeigen deutlich: Das Thema Überrundungen entwickelt sich zu einer der großen Diskussionen der aktuellen Saison. Wenn mehrere Titelkandidaten öffentlich davon sprechen, dass Verkehr auf der Strecke zu einem Sicherheitsrisiko werden kann, wird der Druck auf Serie und Promoter automatisch größer.

Ob kleinere Starterfelder auf kurzen Strecken, strengere Strafen oder neue Regeln im Umgang mit Führenden – eines scheint sicher: Die Debatte über Lappers im Offroad-Rennsport hat gerade erst begonnen.