Bariloche im Datencheck: Zwei Läufe, drei Geschichten

Die Fans konnten den MXGP Track in Bariloche sehr gut überschauen

Die Fans konnten den MXGP Track in Bariloche sehr gut überschauen. / Foto: Infront

Sechs Tage sind vergangen seit dem MXGP of Argentina in Bariloche. Die Schlagzeilen sind weitergezogen, der Kalender hat längst den nächsten Grand Prix im Blick, und die Ergebnislisten sind archiviert. Doch gerade mit etwas Abstand lohnt sich der zweite Blick – nicht auf das Podium, sondern auf das, was die Runden- und Sektorzeiten über diesen Renntag erzählen.

Denn wer beide Läufe nebeneinanderlegt, erkennt schnell: Dieser MXGP-Sonntag war kein klassisches Dominanzrennen. Vielmehr erzählten die beiden Motos unterschiedliche Geschichten. Tom VialleRomain Febvre und Jeffrey Herlings hatten jeweils ihre eigenen starken Phasen. Am Ende setzte sich jedoch der Fahrer durch, der über beide Rennen hinweg das stabilste Gesamtpaket lieferte.

Lauf 1: Vialle setzt früh das Tempo

Der erste Lauf begann mit einem klaren Signal von Tom Vialle. Während sich das Feld noch sortierte, brachte der Franzose sofort Tempo ins Rennen. Seine ersten Runden lagen bereits unter der Zwei-Minuten-Marke, ehe er in Runde vier mit 1:58.339 Minuten die schnellste Runde des gesamten Rennens setzte. Besonders im ersten und zweiten Streckenabschnitt war Vialle extrem stark unterwegs und gewann dort sichtbar Zeit auf seine Gegner.

In diesen Minuten wirkte es tatsächlich so, als könnte sich das Rennen eher zu einer Vialle-Geschichte entwickeln als zu einem klassischen Herlings-Moto. Doch genau hier begann sich der Charakter des Rennens zu verändern.

Während Vialle mit einzelnen Runden für Aufmerksamkeit sorgte, baute Jeffrey Herlings im Hintergrund ein Rennen auf, das typisch für seine stärksten Grand-Prix-Auftritte ist. Seine Rundenzeiten bewegten sich konstant im Bereich knapp über zwei Minuten. Früh im Rennen fuhr er Zeiten wie 2:00.071 und 2:00.078, kurz darauf folgten weitere Umläufe um die 2:00-Marke. In Runde sieben unterbot er diese sogar mit 1:59.874 Minuten. Entscheidend war dabei weniger die einzelne Bestzeit als vielmehr die Stabilität seines Tempos. Während andere Fahrer kleine Schwankungen hatten, blieb Herlings über lange Strecken im selben Rhythmus.

Im Hintergrund entwickelte sich außerdem ein starkes Rennen von Romain Febvre. Der Kawasaki-Pilot war vielleicht nicht der Fahrer mit der auffälligsten Einzelrunde, aber einer der konstantesten im Feld. Mit einer Bestzeit von 1:59.701 Minuten hielt er über viele Runden hinweg ein Tempo, das ihn permanent in Schlagdistanz zur Spitze brachte. Erst gegen Rennende verlor sein Rhythmus deutlich an Stabilität, als die Zeiten in den letzten Umläufen sichtbar anstiegen.

Auch bei KTM gab es im ersten Lauf starke Ansätze. Lucas Coenen zeigte in den ersten Runden Pace auf Podiumsniveau und bewegte sich mehrfach im Bereich knapp unter zwei Minuten. Doch ein deutlicher Zeitverlust im sechsten Umlauf brachte sein Rennen aus dem Gleichgewicht. Ein ähnliches Bild zeigte Andrea Adamo, der das Moto mit einigen sehr schnellen Runden eröffnete, im weiteren Rennverlauf jedoch an Konstanz verlor.

Der erste Lauf zeigte damit bereits ein Muster, das sich durch den gesamten Grand Prix ziehen sollte: Mehrere Fahrer konnten phasenweise das höchste Tempo gehen – aber nur wenige schafften es, dieses Niveau über die komplette Distanz zu halten.

Lauf 2: Febvre bringt den frühen Druck

Der zweite Lauf entwickelte sich zunächst anders. Diesmal war es Romain Febvre, der früh das Tempo vorgab. Der Franzose zeigte eine aggressive Anfangsphase und setzte mit 2:00.675 Minuten die schnellste Runde des Rennens. Besonders in der ersten Rennhälfte wirkte der Kawasaki-Pilot äußerst druckvoll und fand schnelle Linien durch die sich vertiefenden Spuren der Strecke.

Für einige Minuten sah es tatsächlich so aus, als könnte sich das Rennen diesmal klar in Richtung Kawasaki entwickeln. Febvre wirkte entschlossen, das Moto zu kontrollieren, während sich das Feld hinter ihm sortierte.

Doch erneut spielte Jeffrey Herlings seine größte Stärke aus: die Fähigkeit, ein Rennen über die gesamte Distanz zu lesen. Während Febvre früh das Tempo vorgab, hielt der Niederländer sein Niveau konstant hoch und gewann besonders im späteren Rennabschnitt an Stabilität. Vor allem in den hinteren Streckenabschnitten zeigte sich dieser Unterschied deutlich. Dort, wo die Strecke im Verlauf eines Rennens am schwierigsten wird, blieb Herlings ruhiger und konstanter als die Konkurrenz.

Während einige Fahrer in der zweiten Rennhälfte langsam Zeit verloren, blieb sein Rhythmus bemerkenswert stabil. Genau dieser Unterschied entschied letztlich auch den zweiten Lauf.

Honda mit der stärksten Gesamtleistung

Ein Blick auf die Daten des gesamten Tages zeigt außerdem ein klares Bild auf Herstellerseite. Honda präsentierte sich in Bariloche als Marke mit der größten Tiefe im Spitzenfeld. Natürlich stand Herlings mit seinem Grand-Prix-Sieg im Mittelpunkt, doch auch dahinter zeigte sich ein starkes Gesamtbild. Tom Vialle hatte im ersten Lauf phasenweise die schnellste Pace des Feldes, während Ruben Fernandez über beide Rennen hinweg solide Zeiten fuhr. Auch Thibault Benistant und Kevin Horgmo bewegten sich mehrfach im Bereich des erweiterten Spitzenfeldes.

Honda überzeugte an diesem Sonntag also nicht nur mit dem Sieger, sondern mit mehreren Fahrern, die in einzelnen Rennphasen konkurrenzfähige Zeiten setzen konnten.

Kawasaki bestätigt seine Form

Für Kawasaki war der Renntag vor allem eine Bestätigung der starken Form von Romain Febvre, trotz des fehlenden Vertrauens in sein Bike. Der Franzose war in beiden Läufen ein ernsthafter Faktor im Kampf um die Spitze. Im ersten Moto hielt er lange konstanten Druck aufrecht, im zweiten Rennen setzte er sogar die frühe Pace.

Doch genau wie schon im ersten Lauf gelang es ihm auch im zweiten Moto nicht, das Rennen vollständig zu kontrollieren. Die Geschwindigkeit war da, doch über die komplette Distanz konnte er den Vorteil gegenüber Herlings nicht halten.

KTM mit viel Rohspeed

Bei KTM zeigte sich ein etwas anderes Bild. Fahrer wie Lucas Coenen und Andrea Adamo bewiesen mehrfach, dass sie das Tempo der Spitze gehen können. Besonders in den ersten Rennphasen waren beide absolut konkurrenzfähig. Allerdings fehlte über beide Läufe hinweg die Konstanz, um aus diesen schnellen Phasen auch ein komplettes Grand-Prix-Ergebnis zu formen.

Das Tempo war vorhanden – doch der stabile Rhythmus über beide Rennen hinweg gelang an diesem Sonntag nur wenigen Fahrern.

Warum Herlings diesen Grand Prix gewann

Wenn man beide Läufe zusammen betrachtet, wird deutlich, warum Jeffrey Herlings am Ende ganz oben in der Grand-Prix-Wertung stand.

Tom Vialle zeigte im ersten Lauf die explosivste Anfangsphase. Romain Febvre war über weite Strecken der gefährlichste Herausforderer und setzte im zweiten Lauf sogar die früheste Attacke. Doch Herlings war der einzige Fahrer, der über beide Rennen hinweg das konstanteste Gesamtbild lieferte.

Er gewann diesen Grand Prix nicht, weil er in jedem Moment der schnellste Fahrer war. Er gewann ihn, weil er als einziger Fahrer zwei komplette MXGP-Rennen ohne echte Schwächephase fuhr. Und genau deshalb bleibt dieser Renntag auch Tage später noch interessant.

Nicht wegen der Siegerliste – sondern wegen der Art, wie dieses Ergebnis zustande kam.