Sébastien Tortelli über Stark Future

Sebastien Tortelli seines Zeichens Stark Futiure Race Director

Sebastien Tortelli seines Zeichens Stark Futiure Race Director

Stark Future hat sich in erstaunlich kurzer Zeit vom umstrittenen Neuling zu einem ernstzunehmenden Faktor im Offroadsport entwickelt. Noch vor zweieinhalb Jahren wurde dem Hersteller der Zutritt zu einer wichtigen Rennserie verwehrt, heute feiert die Marke an genau diesem Ort einen Meisterschaftserfolg. Für Sébastien Tortelli ist genau das mehr als nur eine sportliche Randnotiz – es ist der Beweis dafür, wie schnell sich ein Projekt entwickeln kann, wenn Technik, Teamarbeit und Beharrlichkeit zusammenkommen.

In einem kürzlich mit Jon Pearson geführtem Gespräch blickt Tortelli nicht nur auf die jüngsten Erfolge zurück, sondern spricht auch offen über Widerstände durch Verbände, die nächsten Ziele in der EnduroGP Meisterschaft und dem Erzberg sowie über die Frage, warum Stark bewusst nicht blind jedem Trend hinterherjagt.

Vom Nobody zum Titelkandidaten

Besonders stolz ist Tortelli auf die Entwicklung von Toby Martin, den vor Saisonbeginn kaum jemand auf dem Zettel hatte. Genau darin sieht er den vielleicht größten Erfolg. Nicht nur, weil sich der Martin im Laufe des Jahres massiv steigern konnte, sondern auch, weil damit gleichzeitig das Potenzial des Motorrads sichtbar wurde.

Für Tortelli ist das der eigentliche Kern der Geschichte: Stark habe niemanden übernommen, der ohnehin schon ganz oben stand, sondern gemeinsam mit dem Team einen Fahrer nach vorne entwickelt.

Erst blockiert, dann Champion am selben Ort

Fast noch symbolischer ist für ihn der Weg, den Stark in den vergangenen Jahren im Rennsport zurückgelegt hat. Tortelli erinnert daran, dass der Marke vor rund zweieinhalb Jahren die Teilnahme an genau jener Veranstaltung verweigert wurde, an der später ein Titelgewinn gefeiert werden konnte.

Darin liegt für ihn eine gewisse Ironie, aber auch Genugtuung. Stark habe den Kreis geschlossen. Aus einer Zurückweisung sei letztlich ein sportlicher Triumph geworden, denn 2026 gewann das junge Team die SuperEnduro-Marken-Weltmeisterschaft. Genau dieser Weg sei es, der ihn besonders zufrieden mache. Gleichzeitig betont er, dass der bisherige Fortschritt kein Grund sei, sich zurückzulehnen. Der Anspruch sei klar: weiter wachsen, weiter lernen, weiter angreifen.

Der schwierige Start mit der FIM

Tortelli macht im Gespräch deutlich, dass der sportliche Aufstieg alles andere als geradlinig verlief. Seiner Einschätzung nach hat Stark mit seinem Auftreten viele Beteiligte überrascht – und genau das habe zu Reibung geführt. Ursprünglich seien die Regeln so formuliert gewesen, dass elektrische Motorräder grundsätzlich in bestimmten Wettbewerben starten konnten. Später habe sich das aber plötzlich geändert.

Für Stark war das laut Tortelli die größte Hürde. Andere Hersteller hätten in der Vergangenheit Möglichkeiten gehabt, elektrisch anzutreten, doch ausgerechnet Stark selbst sei zunächst außen vor geblieben. Warum genau, sei bis heute nicht vollständig nachvollziehbar.

Um diese Skepsis abzubauen, habe man gegenüber der FIM maximale Transparenz gezeigt. Vertreter des Weltverbands seien ins Werk gekommen, hätten die Produktionsstandards gesehen und erkannt, dass es sich nicht um ein improvisiertes Projekt handle. Tortelli verweist in diesem Zusammenhang auf die industrielle Basis, auf CE-Homologation und auf Zertifizierungsprozesse aus dem Automotive-Bereich. All das habe letztlich geholfen, das Vertrauen zu gewinnen und die Grundlage für einen Start in der folgenden Saison zu schaffen.

Warum SuperEnduro der logische erste Schritt war

Dass Stark zuerst im SuperEnduro Fuß fasste, war für Tortelli kein Zufall. Die Indoor-Formate eigneten sich aus seiner Sicht besser, weil sie in einem kontrollierten Umfeld stattfinden und die Rennen deutlich kürzer sind. Das habe den Einstieg technisch und organisatorisch erleichtert.

Er betont dabei ausdrücklich, dass SuperEnduro keineswegs einfach sei – im Gegenteil. Der Sport sei extrem anspruchsvoll. Doch aus Sicht eines Herstellers, der mit einer neuen Technologie in den Rennsport drängt, seien solche Formate zunächst realistischer zugänglich als lange Outdoor-Rennen unter härtesten Bedingungen.

Aus demselben Grund seien auch Arenacross, Supercross und bestimmte nationale Indoor-Serien früh in den Fokus gerückt. Tortelli sagt offen, dass Stark ganz bewusst dort antreten wolle, wo die Marke konkurrenzfähig sein könne. Der Anspruch sei nie gewesen, irgendwo nur aus PR-Gründen aufzutauchen. Stark wolle sich mit klassischen Wettbewerbsmaschinen messen – aber eben nur dort, wo die Voraussetzungen stimmen.

Kein blindes Rennen um jeden Startplatz

Genau an diesem Punkt wird Tortellis Grundsatz besonders deutlich: Er will mit Stark nicht in Serien antreten, nur um Präsenz zu zeigen. Innerhalb des Unternehmens gebe es eine klare Linie, wonach man nicht in Rennen starten solle, die ausschließlich für Elektro-Motorräder gedacht sind. Die Marke wolle sich mit Verbrennern messen und nur dann antreten, wenn man auch wirklich konkurrenzfähig sein könne.

Deshalb sei beispielsweise ein Start bei besonders langen und extrem fordernden Veranstaltungen derzeit noch kein realistisches Ziel. Tortelli nennt ausdrücklich, dass manche Rennen aktuell noch nicht zum Profil des Motorrads passen. Transparenz sei dabei wichtiger als große Schlagzeilen. Man werde weitere Meisterschaften erschließen – aber Schritt für Schritt.

EnduroGP: Das nächste große Projekt

Einer dieser nächsten Schritte ist der Einstieg in die EnduroGP. Tortelli bestätigt, dass Stark diese Herausforderung annimmt, betont aber gleichzeitig, wie komplex das Projekt ist. Aus seiner Sicht kann ein solches Programm derzeit nur mit echter Werksunterstützung sinnvoll umgesetzt werden.

Als Partnerstruktur dient dabei AUX MOTO, die bereits Erfahrung aus dem französischen Endurosport mitbringt. Tortelli beschreibt das Projekt als eine Art Semi-Werksteam mit sehr enger Anbindung an Stark. Ingenieure sollen bei den Rennen vor Ort unterstützen, getestet wird in Spanien, und insgesamt ist die technische Einbindung deutlich intensiver als bei einem klassischen Kundensportprogramm.

Der Zeitplan sei allerdings alles andere als komfortabel gewesen. Die Freigabe kam spät, viele Regelthemen mussten kurzfristig geklärt werden, und auch logistisch sei einiges in kurzer Zeit auf die Beine gestellt worden. Genau deshalb sieht Tortelli die erste Saison vor allem als Lernjahr. Man wolle verstehen, wie das Format funktioniert, welche Grenzen es gibt und wie man das Paket weiterentwickeln muss, um künftig stärker zurückzukommen.

Batteriewechsel als Schlüsselfrage

Ein zentrales Thema im EnduroGP-Einsatz ist naturgemäß die Reichweite. Tortelli erklärt, dass Batteriewechsel im Rahmen des Reglements vor den Sonderprüfungen möglich seien und Stark genau auf dieser Basis arbeite. Damit werde versucht, die Teilnahme regelkonform und zugleich praktikabel umzusetzen.

Er betont, dass das gesamte Programm aus vielen Vorgesprächen und Vorarbeiten entstanden ist. Bereits im Vorjahr habe man sich bei einem Einsatz in Deutschland ein Bild davon gemacht, wie ein solcher Ablauf funktionieren könnte. Diese Erfahrungen seien in die Planung eingeflossen.

Erzberg als nächster Meilenstein

Auch beim Erzbergrodeo sieht Tortelli einen wichtigen Entwicklungsschritt. Für ihn geht es dabei nicht nur um Werksfahrer oder Prestige, sondern vor allem um die grundsätzliche Öffnung des Sports. Dass Stark-Fahrer künftig auf unterschiedlichen Leistungsniveaus am Erzberg starten können, wertet er als enorm wichtiges Signal.

Spannend ist dabei, dass Tortelli sogar andeutet, selbst zumindest den Prolog ins Auge zu fassen. Aus dem Werk gebe es offenbar bereits entsprechenden „Druck“, sich dieser Herausforderung einmal persönlich zu stellen. Noch ist das eher Idee als feste Zusage, doch allein die Tatsache, dass er öffentlich damit spielt, zeigt, welchen Stellenwert das Event intern hat.

Das eigentliche Ziel: Wahlfreiheit für Kunden

Tortelli macht mehrfach klar, dass es Stark nicht nur um Erfolge auf höchstem Niveau geht. Das übergeordnete Ziel sei, Kunden die Freiheit zu geben, selbst zu entscheiden, wo und womit sie fahren möchten. Der ideale Zustand wäre aus seiner Sicht erreicht, wenn ein Fahrer an einem Wochenende mit einem Zweitakter oder Viertakter startet und am nächsten mit einem Elektro-Bike – einfach, weil beides möglich ist.

Genau deshalb sieht er die Rennprogramme nicht nur als Marketinginstrument, sondern auch als Türöffner für den Breitensport. Die Marke wolle den Weg dafür ebnen, dass elektrische Motorräder nicht als Sonderfall betrachtet werden, sondern als reguläre Option.

AMA: In den USA läuft der Weg anders

Während Stark in Europa zunächst über den Profi-Rennsport sichtbar wurde, läuft die Entwicklung in den USA laut Tortelli anders. Dort sei der Einstieg über den Amateurbereich der entscheidende erste Schritt. Er erklärt, dass die Anerkennung durch die AMA aktuell vor allem auf diesem Weg vorangetrieben werde.

Die Zertifizierung der Motorräder sei dafür ein wichtiger Baustein. Sobald diese Prozesse abgeschlossen sind, öffnen sich zunächst die Türen für Amateurrennen. Erst danach könne der nächste Schritt in Richtung Profisport erfolgen. Tortelli beschreibt diesen Weg als langsamer, aber notwendig.

Ein weiteres Thema seien Anforderungen, die aus Sicht vieler Außenstehender zunächst überraschend wirken – etwa beim Geräusch. Laut Tortelli spielt genau das in den USA eine wichtige Rolle. Die Verantwortlichen wollten, dass ein Motorrad auf der Strecke hörbar ist. Stark arbeite auch an solchen Themen, um die formalen Hürden zu erfüllen. Das zeigt, wie sehr sich der Hersteller aktuell nicht nur mit Performance, sondern auch mit den kulturellen und regulatorischen Eigenheiten verschiedener Märkte beschäftigt.

MXGP bleibt vorerst in weiter Ferne

Deutlich reservierter äußert sich Tortelli zur Motocross-WM. Dort sieht er kurzfristig keine realistische Perspektive. Der Grund liegt seiner Aussage nach weniger beim Promoter als an der notwendigen Akzeptanz innerhalb der Herstellerstruktur und der bestehenden Gremien. Solange diese nicht gegeben sei, bleibe MXGP ein schwieriges Feld.

Hinzu kommt, dass Stark weiterhin nicht an einer separaten Elektroklasse interessiert ist. Die Linie des Unternehmens bleibt klar: Man will sich nicht in eine Sonderrolle drängen lassen, sondern nur dort antreten, wo ein echter Vergleich mit klassischen Motorrädern möglich ist.

Entwicklung im Hintergrund – sichtbar erst auf der Strecke

Interessant sind auch Tortellis Aussagen zur technischen Weiterentwicklung. Von außen wirke das Motorrad heute ähnlich wie vor einigen Jahren, doch intern habe sich enorm viel verändert. Er spricht von Weiterentwicklungen bei Inverter, Mikroelektronik, Zellenmanagement und Wärmehaushalt. Das Bike habe sich massiv verändert, auch wenn der äußere Auftritt bewusst stabil gehalten werde.

Gerade das ist für Tortelli ein wichtiger Punkt: Ein Kunde, der vor einigen Jahren gekauft hat, soll nicht das Gefühl bekommen, sein Motorrad sei optisch sofort veraltet. Die wirklichen Fortschritte finden im Innenleben statt – spürbar auf der Strecke, aber nicht zwingend auf den ersten Blick sichtbar.

Besonders hervor hebt er die Entwicklung bei der Batterie. Der Sprung von 6,6 auf 7,2 kWh sei bereits ein Schritt gewesen, inzwischen gehe es aber nicht nur um Kapazität, sondern verstärkt um Thermomanagement, Effizienz und Haltbarkeit. Genau darin liege ein großer Teil der aktuellen Entwicklung.

Racing als Entwicklungsabteilung unter Volllast

Für Tortelli bleibt der Rennsport ein zentrales Werkzeug für Forschung und Entwicklung. Serieninterne Dauertests seien wichtig, aber Rennen auf Weltklasseniveau würden Material, Software und Komponenten an echte Grenzen bringen. Genau dort werde sichtbar, wo Schwachstellen liegen, wo Teile weiter verbessert werden müssen und wo sich echte Fortschritte erzielen lassen.

Das sei einer der Hauptgründe, warum Stark so stark auf den Wettbewerb setze. Nicht nur das Image profitiere davon, sondern auch die Geschwindigkeit, mit der technische Lösungen verbessert werden können.

Der Blick nach vorn

Für die kommende SuperEnduro-Saison kündigt Tortelli bereits den nächsten Angriff an. Das Ziel sei klar: besser werden, näher an die Spitze heranrücken, den nächsten Entwicklungsschritt machen. Dabei hebt er die Stärke der Konkurrenz ausdrücklich hervor, sieht aber zugleich noch viel Potenzial bei den eigenen Fahrern.

Auch außerhalb der Hallen will Stark in Zukunft aktiver bleiben. Tortelli deutet an, dass weitere Programme und Rennprojekte folgen sollen. Noch sei nicht alles spruchreif, doch deutlich wird: Die Marke will den eingeschlagenen Weg konsequent weitergehen.

Sébastien Tortelli zeichnet das Bild eines Herstellers, der sich seinen Platz im Offroadsport nicht über Sonderrechte, sondern über Beharrlichkeit erkämpfen will. Stark Future versteht sich nicht als exotische Randerscheinung, sondern als vollwertiger Wettbewerber – mit allen Hürden, die dazu gehören.

Der Weg dorthin war bislang geprägt von Widerständen, Diskussionen und Regeldebatten. Doch genau diese Reibung scheint das Projekt eher beschleunigt als gebremst zu haben. SuperEnduro war der Anfang, EnduroGP und Erzberg sind die nächsten Prüfsteine, die USA bleiben ein strategisches Langfristprojekt und MXGP vorerst ein fernes Ziel.

Für Tortelli zählt am Ende vor allem eines: Dass elektrische Motorräder nicht länger als Ausnahme betrachtet werden, sondern als echte Wahlmöglichkeit im Sport. Und genau daran arbeitet Stark gerade mit Hochdruck.

Wenn du möchtest, kannst du dir hier das ganze Interview auf Englisch anhören.

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