Ryan Hughes: „Wir hätten zwei Leute töten können“
Ryan Hughes nimmt kein Blatt vor den Mund wenn er etwas zu sagen hat. / Foto: Lluis Llurba
Wenn Ryan Hughes über Supercross spricht, dann hört die Szene zu. „Ryno“ fuhr von den frühen 1990er-Jahren bis 2005 professionell, war bekannt für seine kompromisslose Arbeitseinstellung und seine Aggressivität auf der Strecke, die ihn zu einem der unangenehmsten Gegner im Feld machte. Er kennt die Dynamik eines Rennens, die Entscheidungsbruchteile vor einem Absprung – und die Konsequenzen, wenn etwas schiefgeht. Genau deshalb haben seine Worte im Whiskey Throttle Podcast Gewicht.
Seine Kritik richtet sich direkt gegen eines der spektakulärsten Elemente im Supercross: die Triple-Sprünge.
Sekunden, die alles verändern
Hughes beschreibt ein Szenario, das im Rennsport alltäglich ist – und genau darin liegt das Problem. Ein Fahrer vorne verliert minimal die Linie oder merkt, dass die Landung nicht frei ist. In letzter Sekunde entscheidet er sich, statt des geplanten Triples nur zu doppeln. Der nachfolgende Fahrer sieht das nicht – er kommt mit Tempo, committed sich – und landet im schlimmsten Fall auf dem Vordermann.
Für Hughes ist das kein theoretisches Gedankenspiel, sondern eine reale Gefahr. Als Beispiel nennt er den Vorfall zwischen Malcolm Stewart und Justin Barcia – eine Szene, in der es aus seiner Sicht nur knapp nicht schlimmer endete. Seine drastische Formulierung, man hätte „zwei Leute töten können“, zeigt, wie ernst er das Thema nimmt. Es geht nicht um kleine Blessuren. Es geht um Highspeed-Kollisionen in der Luft – ohne Ausweichmöglichkeit.
Das Entscheidende: In solchen Situationen gibt es keinen klaren Schuldigen. Beide Fahrer handeln aus ihrer jeweiligen Perspektive richtig. Und genau deshalb sieht Hughes das Problem nicht beim Racer, sondern beim Strecken-Design.
Warum Triples aus seiner Sicht überholt sind
Triples seien historisch gewachsen, erklärt Hughes. In Zeiten der 125er-Maschinen mussten bestimmte Kombinationen technisch so gebaut werden, um überhaupt fahrbar zu sein. Heute verfügen 250er- und 450er-Bikes über ganz andere Leistungsreserven. Der ursprüngliche Zweck ist aus seiner Sicht längst überholt.
Sein Vorschlag klingt zunächst simpel: längere Tabletop-Sprünge oder sogenannte „Banana“-Jumps mit großzügiger Landefläche. Große Sprünge bedeuten, viel Airtime, Showfaktor – aber mit mehr Sicherheitsreserven. Wenn ein Fahrer abbrechen muss, wird er nicht automatisch zum Hindernis in einer tödlichen Flugbahn.
Zu schnell, zu glatt, zu riskant?
Hughes’ Kritik geht jedoch über einzelne Hindernisse hinaus. Er sieht ein grundsätzliches Problem in der Entwicklung moderner Supercross-Strecken. Viele Layouts seien zu schnell, zu flüssig und zu berechenbar. Hohe Durchschnittsgeschwindigkeiten, lange Rhythm-Sektionen, wenig echte technische Fallen.
Das Resultat: weniger echte Überholmanöver – und ein erhöhtes Risiko, wenn ein Fahrer aus dem Rhythmus gerät. Sein Gegenentwurf ist klar: Tempo reduzieren, technisch anspruchsvollere Sektionen einbauen, mehr Unvorhersehbarkeit schaffen. Mehr Fahrtechnik, weniger Vollgas-Passagen, in denen ein kleiner Fehler sofort maximale Konsequenzen hat.
Eine notwendige Debatte
Supercross lebt vom Spektakel. Von Commitment. Von Sprüngen, bei denen Fans den Atem anhalten. Hughes stellt die Show nicht infrage. Er stellt die Frage, ob sich das Verhältnis zwischen Spektakel und Sicherheit verschoben hat.
Wenn ein erfahrener Ex-Profi öffentlich sagt, dass ein Hindernis lebensgefährlich sein kann, ist das keine laute Podcast-Provokation. Es ist ein Hinweis darauf, dass sich der Sport weiterentwickeln muss – nicht nur in Sachen Performance, sondern auch in Sachen Sicherheit.
Die Diskussion über Triples, Tempo und Risiko ist neu entfacht. Und sie trifft einen Nerv – bei Fahrern, Teams und Fans gleichermaßen.
