Roczen zeigt seine beste Version – doch der Start bremst ihn aus

Ken Roczen erreichte beim Birmingham Supercross Platz 2

Ken Roczen erreichte beim Birmingham Supercross Platz 2. / Foto: Feld Entertainment

Es gibt Rennen, die man auf dem Papier bewertet. Und es gibt Rennen, die man erst versteht, wenn man sie gesehen hat. Birmingham gehört zur zweiten Kategorie. Platz zwei für Ken Roczen liest sich stark. Aber wer das Rennen verfolgt hat, weiß: Das war kein gewöhnliches Podium. Das war ein Abend, an dem mehr möglich gewesen wäre – vielleicht sogar deutlich mehr.

Der Knackpunkt kommt vor der ersten Kurve

Noch bevor das Rennen richtig beginnt, ist für Roczen der entscheidende Moment bereits vorbei. Der Start – wieder einmal „Du kannst nicht von Platz 15 starten und erwarten, dass du ein Rennen gewinnst.“ Mehr Analyse braucht es eigentlich nicht.

Während vorne sofort Rhythmus entsteht, steckt Roczen im Verkehr fest. Und im Supercross bedeutet das: du verlierst nicht nur Zeit – du verlierst Kontrolle über dein eigenes Rennen.

Ein Rennen im Vorwärtsgang

Was danach folgt, ist eine dieser Fahrten, bei denen man merkt: Da stimmt gerade sehr viel zusammen. Roczen arbeitet sich durch das Feld – ruhig, präzise, fast schon mühelos. Keine überhasteten Aktionen, keine wilden Manöver. Stattdessen: saubere Linien, klare Entscheidungen, konstante Geschwindigkeit. „Ich bin wirklich extrem happy mit meinem Fahren. Es war richtig gut und hat auch richtig Spaß gemacht.“

Und genau das ist der Unterschied zu vielen anderen Rennen. Hier fährt keiner, der irgendwie versucht, dran zu bleiben. Hier fährt einer, der das Rennen liest.

Ein anderes Gefühl als sonst

Spannend wird es, wenn Roczen selbst einordnet, wie sich dieser Abend angefühlt hat. „Normalerweise gibt es ein paar Fahrer, die richtig gut sind, und ich habe das Gefühl, ich kann mit ihnen mitgehen. Aber dieses Mal hatte ich eher das Gefühl, dass ich vielleicht sogar die Oberhand hatte.“

Roczen fühlt sich nicht wie Teil der Spitzengruppe – sondern wie jemand, der sie kontrollieren könnte.

Der Flow kommt nicht zufällig

Die Frage nach der aggressiven Fahrweise beantwortet Roczen fast beiläufig – und genau darin steckt die eigentliche Aussage. „Ich fahre eigentlich jedes Wochenende mit der gleichen Einstellung los. Aber ein bisschen Zeit weg vom Racing hilft manchmal. Dann kommst du zurück, und dein ganzes Auftreten ist einfach ein bisschen anders. Ich glaube, das hat man gesehen.“

Was man gesehen hat: einen Fahrer, der freier wirkt. Weniger Druck. Mehr Instinkt. Mehr Vertrauen. Und genau daraus entsteht dieser Flow, der in Birmingham über weite Strecken sichtbar war.

Eine Strecke, die jederzeit zurückschlägt

Doch Birmingham war keine Strecke, auf der man einfach sein Tempo abspult. Sie war tückisch. Unberechenbar. Und bereit, jeden kleinen Fehler sofort zu bestrafen. „Es war in manchen Bereichen so trocken, dass überall große Brocken und Löcher entstanden sind. Vor allem über manche Singles und kleinen Rhythmussektionen bist du beim Gasgeben sofort ins Rutschen gekommen.“

Grip war keine Konstante – sondern ein Risiko. „Du landest, gibst Gas, und plötzlich hakt das Motorrad ein oder schießt nach links und rechts weg. Da kannst du ganz schnell einen Fehler machen.“

Und genau diese Fehler entscheiden auf diesem Niveau alles.

Der Moment, in dem das Rennen kippt

Roczen kommt näher. Der Abstand schrumpft. Die Dynamik verändert sich. Für einen Moment sieht es so aus, als könnte das Rennen noch einmal offen werden. Dann reicht ein kleiner Fehler. „Ich war schon auf etwas mehr als zwei Sekunden dran. Dann habe ich ein paar kleine Fehler gemacht, und der Abstand ging wieder raus.“

Keine große Szene. Kein Sturz. Nur ein kurzer Moment – und plötzlich ist die Chance wieder weg.

Die Suzuki funktioniert – und das ist entscheidend

Ein zentraler Punkt dieses Abends ist das Vertrauen ins Material. „Ich liebe mein Motorrad wirklich. Und ich glaube, genau deshalb kann ich im Moment auch so schnell fahren.“ Das ist mehr als nur ein gutes Gefühl. Das ist die Basis für alles, was auf der Strecke passiert.

Wenn dieses Vertrauen da ist, wird Geschwindigkeit reproduzierbar. Und genau das zeigt Roczen aktuell.

Was bleibt: eine verpasste Gelegenheit

Am Ende bleibt ein zweiter Platz. Aber vor allem bleibt das Gefühl, dass dieses Rennen in eine andere Richtung hätte gehen können. „Mit einem besseren Start und so einem Rennen hätte das heute anders aussehen können. Das ist kein garantierter Sieg – aber es wäre eine andere Geschichte gewesen.“

Und genau das ist der Punkt. Birmingham war kein Rennen, das Roczen verloren hat. Es war ein Rennen, das er sich selbst schwer gemacht hat – durch einen Moment, der nur wenige Sekunden dauert.

Ken Roczen verlässt Birmingham mit einem Podium. Aber auch mit einer klaren Erkenntnis: Die Geschwindigkeit ist da. Das Gefühl ist da. Das Paket funktioniert.

Jetzt fehlt nur noch der Start.