Motocross: Was kostet der Traum vom Weltmeistertitel?
Wer den Fokus verliert, beginnt irgendwann, an sich selbst und seiner Karriere zu zweifeln. / Foto: Ralph Marzahn
Wie viel muss ein junger Mensch aufgeben, um vielleicht eines Tages Motocross-Weltmeister zu werden? Eine Frage, die wir uns vermutlich viel zu selten stellen. Wir verfolgen Rennen, vergleichen Rundenzeiten, diskutieren über Talente und fragen uns, wer den Sprung in die Weltmeisterschaft schaffen könnte. Wer am Sonntag auf dem Podium steht, hat vieles richtig gemacht. Wer die Erwartungen nicht erfüllt, muss sich irgendwann fragen lassen, woran es liegt.
Doch was passiert eigentlich mit den jungen Menschen hinter diesen Ergebnissen?
Der italienische EMX250-Pilot Francesco Bellei hat einen ungewöhnlich persönlichen Rückblick auf seine Saison veröffentlicht. Er erzählt von Verletzungen, Enttäuschungen und zwei Podestplätzen. Vor allem aber spricht er über Einsamkeit, Selbstzweifel und Momente, in denen er ernsthaft darüber nachdachte, seinen Traum aufzugeben.
Seine Geschichte dürfte keineswegs ungewöhnlich sein. Ungewöhnlich ist vielmehr, dass ein junger Fahrer so offen darüber spricht.
Mit 16 Jahren beginnt ein anderes Leben
Bellei war gerade einmal 16 Jahre alt, als er seine Heimat verließ. Seine Familie, seine Freunde und alles, was ihm bis dahin vertraut gewesen war, blieben zurück.
Vor ihm lag ein Leben in einem anderen Land, mit einer fremden Sprache, einer neuen Kultur und einem Alltag, den er sich erst einmal selbst aufbauen musste. Dazu kamen lange Trainingstage, Kälte, Sand und die Verantwortung, plötzlich weitgehend allein zurechtkommen zu müssen.
Natürlich gehört es zum Leistungssport, Opfer zu bringen. Das hören junge Talente vermutlich schon, bevor sie überhaupt zum ersten Mal bei einer Europameisterschaft am Start stehen. Nur ist es ein Unterschied, ob man darüber spricht oder ob man mit 16 Jahren tatsächlich abends allein in einer fremden Umgebung sitzt und die Familie Hunderte Kilometer entfernt ist.
„Ich dachte, ich wüsste, was es bedeutet, einen Traum zu verfolgen. Aber ich habe schnell verstanden, dass die Rennen nur ein Teil dieses Weges sind“, schreibt Bellei. Darin steckt etwas, das bei der Betrachtung des Nachwuchssports häufig untergeht.
Wir sehen junge Fahrer, die mit ihren Motorrädern durch Europa reisen, auf den besten Strecken trainieren und ihrem Traum scheinbar jeden Tag ein Stück näherkommen. Was nach einem aufregenden Leben aussieht, ist allerdings auch ein Alltag voller Verpflichtungen.
Während Gleichaltrige noch zur Schule gehen, Freunde treffen und sich ausprobieren können, ist bei vielen Nachwuchspiloten längst ein großer Teil ihres Lebens durch den Rennkalender bestimmt. Und mit jedem Jahr wächst die Erwartung, dass sich dieser Aufwand irgendwann auszahlt.
Was passiert, wenn die Ergebnisse ausbleiben?
Gerade im Motocross ist die Antwort darauf nicht besonders angenehm. Wer viel investiert, möchte Fortschritte sehen. Das gilt für die Fahrer selbst, aber natürlich auch für Eltern, Teams und Unterstützer. Schließlich kostet eine internationale Saison nicht nur Zeit und Kraft, sondern auch eine Menge Geld.
Doch Entwicklung lässt sich nicht planen wie ein Trainingsprogramm.
Bellei beschreibt, wie er zu Beginn der Saison immer wieder seine Geschwindigkeit zeigen konnte, ohne daraus die erhofften Ergebnisse zu machen. In der Schweiz fehlten ihm im Qualifying lediglich 0,073 Sekunden zur Bestzeit. Im Rennen gelang es ihm trotzdem nicht, das vorhandene Potenzial entsprechend umzusetzen.
Von außen betrachtet ist das zunächst einmal ein enttäuschendes Rennwochenende. Für einen jungen Fahrer, der seine gesamte Zukunft auf diesen Sport ausrichtet, kann sich dahinter aber eine wesentlich größere Frage verbergen: Was ist, wenn all die Arbeit am Ende nicht reicht?
„Es ist schwierig, weiter an sich selbst zu glauben, wenn man weiß, dass man mehr leisten könnte, aber Woche für Woche irgendetwas dazwischenkommt.“
Vielleicht kennen viele Fahrer dieses Gefühl. Man trainiert, verändert etwas am Setup, arbeitet an der Fitness und versucht, die Fehler vom vergangenen Wochenende abzustellen. Und trotzdem steht am Sonntagabend wieder ein Ergebnis da, mit dem man nicht zufrieden ist.
Dann kommt das nächste Rennen. Und damit die nächste Gelegenheit, sich zu beweisen. Was nach außen wie eine neue Chance aussieht, kann sich irgendwann auch wie eine weitere Prüfung anfühlen.
Wenn selbst das Motorradfahren keinen Spaß mehr macht
Besonders nachdenklich machen Belleis Schilderungen aus dem Wintertraining. Er berichtet von Tagen im Sand, an denen er den Tränen nahe war. Andere Fahrer schienen mit den Bedingungen problemlos zurechtzukommen, während er selbst Schwierigkeiten hatte, überhaupt ein gutes Gefühl auf dem Motorrad zu entwickeln.
„Warum schaffen die anderen das und ich nicht? Werde ich jemals ihr Niveau erreichen?“ Solche Fragen stellt sich vermutlich nicht nur ein Francesco Bellei beim Blick auf Teamkollegen oder Trainingspartner.
Gerade im Nachwuchsbereich trainieren Fahrer häufig gemeinsam mit Konkurrenten, die später auch auf der Strecke ihre Gegner sind. Jeder sieht, wie schnell die anderen unterwegs sind. Jeder bekommt mit, wenn jemand Fortschritte macht. Der Vergleich ist praktisch immer vorhanden.
Und während ein erwachsener Profi möglicherweise schon gelernt hat, mit solchen Situationen umzugehen, muss ein 16- oder 17-Jähriger diese Erfahrungen erst machen. Bellei schreibt, dass er zeitweise ernsthaft darüber nachgedacht habe, aufzuhören. Man sollte diesen Satz nicht einfach überlesen.
Da spricht ein junger Mensch, der seine Heimat verlassen hat, weil er nichts lieber tun wollte, als Motocross zu fahren. Und ausgerechnet dieser Sport, für den er so viel aufgegeben hat, bringt ihn an einen Punkt, an dem er nicht mehr weiß, ob er weitermachen möchte.
Wie viele andere Nachwuchsfahrer ähnliche Gedanken haben, wissen wir nicht. Die wenigsten dürften öffentlich darüber sprechen. Im Fahrerlager wird schließlich lieber über Rundenzeiten, Fahrwerke und das nächste Rennen geredet.
Ein Schlüsselbeinbruch zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt
Dass im Motocross selbst kleine Fortschritte schnell wieder zunichtegemacht werden können, musste Bellei ebenfalls erfahren. In Grevenbroich fuhr er die schnellste Qualifikationszeit. Ausgerechnet im Sand, der ihm zuvor so viele Probleme bereitet hatte.
Für ihn war das ein wichtiger Moment. Er hatte endlich das Gefühl, dass seine Arbeit Wirkung zeigte und sich die Dinge in die richtige Richtung entwickelten.
Dann brach er sich das Schlüsselbein.
Wieder Stillstand. Wieder zuschauen, während andere Rennen fahren und Meisterschaftspunkte sammeln.
Eine Verletzung gehört im Motocross leider fast schon zum Alltag. Man liest die Meldung, wünscht dem Fahrer gute Besserung und beschäftigt sich anschließend mit dem nächsten Rennen.
Was eine solche Zwangspause mit einem jungen Menschen macht, der gerade erst begonnen hat, wieder Vertrauen in seine Fähigkeiten zu gewinnen, lässt sich daraus kaum erkennen. Bellei beschreibt, dass nicht allein die Schmerzen das Problem waren. Viel schlimmer sei gewesen, dass die Verletzung genau in dem Moment kam, als er endlich Fortschritte spürte.
Nach seiner Rückkehr in Teutschenthal fuhr er erneut die drittschnellste Qualifikationszeit. Doch auch danach folgten weitere Rückschläge.
Stürze, Schmerzen, verpasste Möglichkeiten.
Es dauerte, bis sich seine Ergebnisse stabilisierten.
Warum ein dritter Platz manchmal mehr bedeutet als ein Sieg
Dann kam Lommel.
Wer den belgischen Sandklassiker kennt, weiß, wie anspruchsvoll diese Strecke sein kann. Für Bellei hatte sie noch eine zusätzliche Bedeutung. Ausgerechnet tiefer Sand gehörte lange zu den Bedingungen, unter denen er besonders stark an sich selbst zweifelte.
Diesmal war etwas anders.
Schon im Training fühlte er sich wohl. Im ersten Lauf holte er den Holeshot, führte das Rennen rund neun Minuten lang an und kam schließlich als Dritter ins Ziel.
Ein Podestplatz in der EMX250.
Sportlich ein gutes Ergebnis, aber noch lange kein Weltmeistertitel.
Bellei begann nach der Zieldurchfahrt zu weinen. „Dieses Podium war nicht einfach nur ein Ergebnis. Es war das Gewicht all der Tage, an denen ich aufgeben wollte, der Zweifel, der Opfer, der Verletzung und der Frustration.“
Vielleicht sollte man sich diesen Satz merken, bevor man das nächste Mal einen dritten Platz als ordentlich, aber nicht überragend einordnet. Denn wir wissen schlichtweg nicht, was hinter einer solchen Platzierung steckt. Für Bellei war es offenbar der Moment, in dem er sich selbst bewies, dass seine Zweifel nicht zwangsläufig berechtigt gewesen waren.
Eine Woche später folgte in Uddevalla der nächste Podestplatz. Damit hatte er gezeigt, dass Lommel kein einmaliger Ausreißer gewesen war. Er beschreibt, wie mit diesen Ergebnissen langsam der Druck nachließ und die Freude am Motorradfahren zurückkehrte.
Eigentlich müsste genau diese Freude doch der Ausgangspunkt jeder Nachwuchskarriere sein. Dass man sie auf dem Weg nach oben verlieren kann, sollte uns zu denken geben.
Wer bleibt, wenn die Ergebnisse nicht stimmen?
Bellei spricht in seinem Rückblick noch einen anderen Punkt an, der im Rennsport selten öffentlich diskutiert wird.
Er habe gelernt, welche Menschen auch in schwierigen Zeiten an seiner Seite bleiben. Andere seien offenbar erst dann wieder aufgetaucht, als seine Ergebnisse besser wurden. Namen nennt er nicht. Und es wäre falsch, daraus Vorwürfe gegen bestimmte Personen abzuleiten.
Trotzdem dürfte diese Erfahrung vielen Fahrern bekannt vorkommen.
Erfolg macht einen Sportler interessant. Plötzlich möchten Menschen mit ihm sprechen, Fotos machen oder Teil seiner Geschichte sein. Bleiben die Ergebnisse aus, kann sich das Umfeld schnell verändern.
Für einen erwachsenen Profi ist das schon schwierig genug. Für einen Jugendlichen, der weit weg von zu Hause lebt und sich ohnehin ständig beweisen möchte, kann es noch belastender sein. Dabei sind gerade die Menschen, auf die man sich verlassen kann, vermutlich mindestens so wichtig wie ein gutes Motorrad oder ein durchdachtes Trainingsprogramm.
Bellei erinnert sich ausdrücklich auch an die schönen Momente seiner Saison. An Freundschaften, Reisen, gemeinsames Lachen und all den Unsinn, den junge Fahrer zwischen den Rennen miteinander anstellen. Es sind Erlebnisse, die in keiner Meisterschaftstabelle auftauchen.
Vielleicht helfen gerade sie dabei, die schwierigen Tage zu überstehen.
Nicht jeder Traum endet mit einem Weltmeistertitel
Francesco Bellei beendete seine erste EMX250-Saison auf dem siebten Gesamtrang. Er erreichte zwei Gesamtpodien und konnte auch bei seinen ersten Einsätzen auf WM-Niveau Erfahrungen sammeln.
Man kann diese Saison anhand der Zahlen bewerten. Man kann darüber diskutieren, ob Platz sieben seinen Möglichkeiten entspricht, ob er künftig regelmäßig um Podestplätze kämpfen kann und wie weit sein Weg noch führen wird. All das gehört zum Leistungssport. Aber vielleicht sollten wir bei jungen Fahrern manchmal etwas vorsichtiger mit unseren Erwartungen umgehen.
Denn hinter jedem Talent steckt zunächst einmal ein junger Mensch, der lernen muss, mit Erfolgen und Enttäuschungen zurechtzukommen. Einer, der möglicherweise schon früh seine Heimat verlassen hat, der Freunde und Familie vermisst und der nicht nur sportlich, sondern auch persönlich erwachsen werden muss.
Nicht jeder dieser Fahrer wird irgendwann einen Grand Prix gewinnen. Noch weniger werden Weltmeister. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass sie zu wenig gearbeitet oder ihren Traum nicht ernst genug verfolgt haben.
Bellei schreibt, dass er nicht mehr derselbe Junge sei, der mit 16 Jahren seine Heimat verlassen hat. Er habe gelernt, sei gewachsen und habe verstanden, dass hinter jedem Ergebnis eine Geschichte steckt, die Außenstehende nicht kennen.
Seinen Traum vom Weltmeistertitel hat er noch nicht aufgegeben. Ob er ihn jemals erreicht, kann heute niemand sagen.
Aber vielleicht liegt genau darin eine der unbequemen Wahrheiten des Nachwuchs-Motocross: Wir erwarten von jungen Fahrern, dass sie schon sehr früh Entscheidungen treffen, große Opfer bringen und Leistungen abliefern, obwohl niemand ihnen versprechen kann, dass dieser Weg tatsächlich zum Erfolg führt.
Und während wir am Sonntagabend bereits die nächste Ergebnisliste durchgehen, müssen sie am Montagmorgen wieder aufstehen, trainieren und daran glauben, dass sich all das irgendwann lohnt.
Vielleicht sollten wir uns deshalb etwas häufiger für die Menschen hinter den Helmen interessieren. Nicht erst dann, wenn sie auf dem Podium stehen.
