Jeffrey Herlings: „Ich muss liefern – und ich muss schnell liefern“
Jeffrey Herlings ist Leitfigur des Honda HRC Petronas Team 2026. / Foto: Bavo Swijgers
Bei der offiziellen Präsentation des Honda HRC PETRONAS MXGP Teams stellte sich Fünffach-Weltmeister Jeffrey Herlings den Fragen der internationalen Medien – offen, selbstkritisch und mit einem klaren Blick nach vorne. Der Niederländer sprach über seine kurze Vorbereitungszeit, den Wechsel zu Honda, die neue Prototyp-Maschine – und darüber, warum er sich keine Anlaufphase leisten will.
„Ich habe keine zehn Jahre mehr Zeit“
Seit dem 1. Januar ist Herlings offiziell Teil des neuen Projekts. Viel Zeit blieb nicht, um sich auf Bike, Team und Umfeld einzustellen. Während andere von einer „kurzen Timeline“ sprechen, bringt es Herlings deutlich direkter auf den Punkt: „Das Team hat vielleicht Zeit – ich nicht. Ich habe keine zehn Jahre mehr vor mir. Ich muss liefern, und ich muss schnell liefern.“
Helm, Bekleidung, Boots, Bike-Setup – alles musste innerhalb von fünf bis sechs Wochen organisiert und abgestimmt werden. Eine extrem kurze Phase für einen kompletten Neustart auf Werksniveau. Trotzdem sieht Herlings bereits eine stabile Basis: „Wir lernen noch, wir entdecken noch, aber ich denke, wir haben schon eine gute Grundlage – auch mit dem Bike.“
Ein neues Bike – mit viel Potenzial
Besonders spannend: Herlings fährt keine ausgereifte Plattform, sondern eine neue Prototyp-Version der Honda. Ein Motorrad, das gerade erst vorgestellt wurde und sich noch in der Entwicklungsphase befindet. „Es ist ein komplett neues Bike, quasi in den Kinderschuhen. Natürlich wäre es einfacher gewesen, auf der vorherigen Maschine zu sitzen, die jahrelange Entwicklung hinter sich hatte. Aber dieses Bike hat enorm viel Potenzial.“
Für Herlings ist das keine Belastung, sondern Motivation. Die Möglichkeiten seien groß – jetzt gehe es darum, dieses Potenzial schnell in Ergebnisse umzusetzen.
Ein Kindheitstraum wird Realität
Der Wechsel zu Honda ist für Herlings mehr als nur ein sportlicher Schritt. Es ist die Erfüllung eines langjährigen Wunsches. „Es war immer mein Traum, für Honda HRC zu fahren. Wir waren schon 2016 sehr nah an einer Einigung.“
Er blickt ohne Groll auf seine Zeit bei KTM zurück – mit vielen Erfolgen und positiven Erinnerungen. Doch wenn es jemals einen Wechsel geben sollte, dann nur zu Honda. Jetzt, in einer späten Phase seiner Karriere, fühlt sich der Schritt richtig an: „Ich habe keine Sekunde bereut, dass ich es gemacht habe.“
Nach Verletzungen: Fit, aber mit Intensitäts-Defizit
Die vergangenen Jahre waren von schweren Verletzungen geprägt, teils noch vor Saisonbeginn. Besonders das Kreuzband (ACL) setzte ihn lange außer Gefecht. Entsprechend vorsichtig wurde er gefragt, wie er dieses Jahr angeht. Herlings bleibt realistisch: „Motocross ist ein Risikosport. Verletzungen gehören dazu.“
Körperlich fühle er sich fit. Was noch fehle, sei Rennintensität. Beim Vorbereitungsrennen in Mantova habe er gemerkt, dass das letzte Prozent noch fehlt. „Die Intensität war noch nicht da. Deshalb fahre ich drei Rennen zum Warmwerden, bevor GP1 startet.“
Für ihn ist klar: Viele Chancen bleiben nicht mehr. Jede Gelegenheit müsse genutzt werden.
Veteranen gegen Rookies?
Auf die Frage, ob sich die MXGP aktuell wie „Veteranen gegen Rookies“ anfühle, reagiert Herlings gelassen. Für ihn seien es größtenteils die gleichen Titelkandidaten wie in den vergangenen Jahren – ergänzt durch zwei, drei neue Namen. „Am Ende geht es um Konstanz. 60 Motos – das ist eine lange Saison.“
Er verweist auf das Beispiel von Romain Febvre, der zuletzt durch Beständigkeit glänzte. Genau das sei der Schlüssel zum Titel.
Zweifel vor dem Wechsel – und keine Reue danach
Auch der Wechsel selbst war für Herlings ein Risiko. Anders als viele glauben, testete er das Honda-Bike vor der Vertragsunterschrift nicht. „Ich wusste nicht, ob es passt. Es war ein kleines Gamble.“
Der Blick in die USA, wo Jorge Prado nach seinem Wechsel zu Kawasaki zunächst zu kämpfen hatte, habe ihn durchaus zum Nachdenken gebracht. Doch Herlings differenziert: „Der Wechsel von KTM zu Kawasaki ist etwas anderes als von KTM zu Honda. Honda ist ein bewährtes Paket – man hat es in den USA und in Europa gesehen.“
Heute sagt er klar: keine Reue. Das Motorrad überrasche ihn positiv – und das Potenzial sei größer als das, was bisher sichtbar ist.
Motivation auf einem neuen Level
Nach 17 Jahren bei einem Hersteller ist der Schritt zu einem neuen Werksteam mehr als nur ein Tapetenwechsel. Für Herlings bedeutet es frische Energie in einer Phase seiner Karriere, die er selbst als möglicherweise letzte zwei oder drei Jahre beschreibt. „Das ist eine komplett neue Adventure. Neue Leute, neue Strukturen – das bringt unglaublich viel Motivation.“ Sein Anspruch bleibt unverändert: schnell konkurrenzfähig sein, um Siege kämpfen, keine Zeit verlieren.
Jeffrey Herlings weiß, dass er sich keine lange Eingewöhnungsphase leisten kann. Aber genau dieser Druck scheint ihn zusätzlich anzutreiben.
