Bariloche ruft: MXGP-Stars scharren mit den Hufen
Pressekonferenz in Bariloche mit den MXGP Stars
Die neue MXGP-Saison 2026 steht in den Startlöchern – und schon vor dem ersten Gate-Drop ist klar: Diese Weltmeisterschaft hat das Potenzial, eine der spannendsten der vergangenen Jahre zu werden. Beim offiziellen Media Event in Bariloche wurde deutlich, wie viel Bewegung über den Winter in die Königsklasse und auch in die MX2gekommen ist. Neue Bikes, neue Teams, neue Startnummern – und vor allem jede Menge Namen, die 2026 eine große Rolle spielen wollen.
Dass die Erwartungen hoch sind, war auf der ersten Pressekonferenz in Argentinien förmlich greifbar.
Febvre trägt die Eins – und bereut 2016 noch immer ein bisschen
Im Fokus stand natürlich zunächst Romain Febvre, der als amtierender Weltmeister mit der Nummer 1 an den Start geht. Für den Kawasaki-Piloten ist das mehr als nur eine andere Ziffer auf dem Startnummernfeld – es ist auch eine kleine Korrektur der eigenen Vergangenheit.
Febvre erklärte offen, dass er es rückblickend bereue, die Eins damals nicht genommen zu haben. Diesmal war die Entscheidung für ihn deshalb klar. Die Drei habe ihm ohnehin nie viel bedeutet, die Eins dagegen schon. Und ja – auf der Kawasaki sieht das Ganze tatsächlich ziemlich stimmig aus.
Sportlich blieb der Franzose gewohnt nüchtern. Der Winter sei sauber verlaufen, das Bike sei eher weiterentwickelt als komplett verändert worden. Große Überraschungen gab es also nicht – und genau das könnte ein Vorteil sein. Während viele Konkurrenten sich erst noch an neue Marken, neue Teams oder neue Strukturen gewöhnen müssen, kommt Febvre mit einem eingespielten Paket nach Argentinien.
Herlings startet ein neues Kapitel – und plötzlich ist alles anders
Wenn man über Veränderungen spricht, kommt man an Jeffrey Herlings nicht vorbei. Nach 17 Jahren im gleichen Umfeld beginnt für den Niederländer 2026 ein komplett neues Kapitel bei Honda HRC Petronas.
Allein das Bild von Herlings in anderen Farben wirkt noch ungewohnt. Der fünfmalige Weltmeister machte in Bariloche aber keinen Hehl daraus, wie groß dieser Schritt für ihn ist. Neue Menschen, neue Abläufe, neues Motorrad – selbst die Teammeetings laufen anders als gewohnt. Nach fast zwei Jahrzehnten in einer festen Struktur ist das kein kleiner Tapetenwechsel, sondern eher ein kompletter Neustart.
Herlings beschrieb die erste Zeit auf der Honda als herausfordernd, aber auch motivierend. Gerade der erste Monat sei nicht einfach gewesen, was nach so vielen Jahren auf derselben Marke kaum überrascht. Inzwischen habe er aber das Gefühl, an einem guten Punkt angekommen zu sein. Vor allem körperlich startet er diesmal deutlich besser vorbereitet in die Saison als in den vergangenen beiden Jahren. Genau das könnte entscheidend werden.
Und dann wäre da noch die Qualität des Feldes, die selbst Herlings beeindruckt. Seine Einschätzung: 2026 wird man nicht einfach nur schnell sein müssen – sondern vor allem konstant.
Gajser in Blau: Neues Team, neue Energie, alter Hunger
Ein weiteres Bild, an das man sich erst gewöhnen muss: Tim Gajser in Yamaha-Farben. Der Slowene geht nach vielen Jahren bei Honda nun für Monster Energy Yamaha Factory MXGP an den Start – und wirkte in Bariloche alles andere als verhalten.
Gajser sprach von frischer Motivation, neuen Eindrücken und dem klaren Wunsch, endlich wieder loszulegen. Zwei Monate auf dem Bike seien zwar gut gewesen, noch mehr Zeit hätte er aber trotzdem gerne gehabt. Gleichzeitig machte er deutlich, dass er sich körperlich bei 100 Prozent fühle – und das ist für einen Titelkandidaten nach einem Winterwechsel vermutlich die wichtigste Nachricht.
Seinen ersten Eindruck von der neuen Strecke in Bariloche beschrieb Gajser als interessant: weicher Boden, wenig Traktion, vermutlich schnell aufbrechend. Also genau die Art Terrain, auf der sich ein Grand Prix im Laufe des Wochenendes stark verändern kann.
Coenen bleibt ruhig – trotz riesiger Erwartungen
Lucas Coenen geht nach seiner starken Saison 2025 nun mit der Nummer 5 in das neue Jahr. Der Red-Bull-KTM-Pilot blieb bei seinen Aussagen fast schon demonstrativ entspannt. Nummer gewechselt, Winter ordentlich absolviert, Setup weitgehend gleich geblieben – große Dramen? Fehlanzeige.
Dabei liegt gerade auf ihm viel Aufmerksamkeit. Die Speed war schon 2025 da, das ist kein Geheimnis. Die entscheidende Frage lautet nun, ob er die schwächeren Tage besser in den Griff bekommt und damit aus seinem Talent tatsächlich eine Titelkampagne macht. Coenen selbst hielt sich dazu kurz – lernen, weiterarbeiten, Rennen fahren.
Viel mehr braucht es im Grunde auch nicht.
Ducati will mehr als nur mitfahren
Besonders spannend bleibt das neue Werksteam von Ducati. Mit Calvin Vlaanderen, Jeremy Seewer und Andrea Bonacorsi ist die Marke in der MXGP inzwischen nicht mehr nur ein exotischer Hingucker, sondern ein ernstzunehmendes Projekt.
Vlaanderen machte deutlich, dass der Wechsel nach sieben Jahren auf der Yamaha alles andere als simpel war. Neues Bike, neues Umfeld, andere Arbeitsweise – das braucht Zeit. Gerade zu Beginn des Winters habe es einige Hürden gegeben, doch in den vergangenen Wochen habe man wichtige Fortschritte gemacht. Sein Eindruck: Ducati befindet sich inzwischen an einem Punkt, an dem ein starkes Wochenende möglich ist.
Auch Andrea Bonacorsi sprach von einem frischen Start und davon, dass ihn das Potenzial des Motorrads direkt beeindruckt habe. Der Italiener ist überzeugt, dass weitere Podestplätze möglich sind – und genau darum gehe es.
Kurz gesagt: Ducati ist nicht mehr nur „interessant“, Ducati will Ergebnisse.
Adamo will den nächsten Schritt – Vialle tastet sich heran
In der MXGP sorgt auch der Aufstieg mehrerer ehemaliger MX2-Champions für zusätzliche Würze. Andrea Adamomachte deutlich, dass der Schritt auf die 450er seine eigene Entscheidung war. Niemand im Team habe ihn gedrängt, er selbst habe gespürt, dass der richtige Zeitpunkt gekommen sei. Seine Lernkurve in der MX2 sei langsam an ihr Ende gekommen, jetzt suche er neue Reize – und die findet er in der Königsklasse reichlich.
Tom Vialle wiederum wirkte bei seinem Comeback in Europa sehr reflektiert. Nach drei Jahren in den USA, neuem Team, neuem Bike und dem Wechsel in die MXGP sei vieles auf einmal zusammengekommen. Anfangs sei das hart gewesen, inzwischen fühle er sich aber deutlich wohler. Wo er sich aktuell im Vergleich zur etablierten Spitze einsortieren kann, wollte er allerdings noch nicht vorhersagen. Verständlich – denn genau das dürfte einer der spannendsten Punkte des Saisonstarts werden.
Renaux, Horgmo, Bonacorsi, Guadagnini? Nein – die MXGP ist einfach voll mit Storys
Auch Fahrer wie Maxime Renaux, Jago Geerts, Alberto Forato oder Mathis Valin brachten im Media Day interessante Einblicke. Renaux etwa erklärte, dass man diesmal bewusster und etwas kontrollierter in die Saison starte, anstatt schon in Runde eins am absoluten Limit zu sein. Geerts wiederum sprach von einem guten Winter auf der Beta und davon, nach seiner komplizierten Verletzung endlich wieder Schritt für Schritt auf sein altes Niveau kommen zu wollen.
Bei Forato ist der Tenor ähnlich: nach schwierigen Jahren mit Verletzungen soll 2026 ein Neubeginn werden – diesmal in einem echten Werksteam mit mehr Möglichkeiten in der Entwicklung. Das Ziel ist dabei klar: erst lernen, dann aufbauen.
In der MX2 tragen die Favoriten keine Geheimnisse mehr
Auch die MX2 hat vor dem Auftakt einiges geliefert. Simon Längenfelder geht als Weltmeister mit der Nummer 1 an den Start und begründete diese Entscheidung simpel und logisch: Wer Weltmeister wird, sollte auch mit der Eins fahren. Punkt.
Spannend wird, wie schnell er sich im neuen Teamgefüge von KTM Austria vollständig einlebt. Die ersten Aussagen klangen jedenfalls danach, als wäre dieser Prozess bereits weit fortgeschritten.
Liam Everts dürfte zu den größten Herausforderern gehören. Der Belgier startet diesmal endlich einmal gesund in die Saison – und allein das verändert die Ausgangslage deutlich. Er wirkte in Bariloche fokussiert und selbstbewusst, ohne große Töne zu spucken.
Sacha Coenen blieb wie so oft knapp in seinen Aussagen, aber die Botschaft war trotzdem klar: Rennen für Rennen, volle Attacke, dann schauen, was am Ende dabei herauskommt. Dass er jederzeit für Holeshots und Siege gut ist, weiß ohnehin jeder.
Valin, Reisulis, Farres und Zanchi – die neue Welle rollt an
Hinter den großen Namen schiebt bereits die nächste Generation nach. Mathis Valin wirkte auf der Kawasaki fast demonstrativ gelassen, sprach von einer ähnlichen Vorbereitung wie im Vorjahr und dem Gefühl, nun deutlich bereiter zu sein. Besonders bemerkenswert: Er selbst sagte, dass 2025 vor allem ein Jahr zum Lernen gewesen sei – auch wegen zahlreicher Stürze. 2026 soll daraus nun Kapital geschlagen werden.
Janis Reisulis geht als EMX250-Champion mit viel Rückenwind in seine Rookie-Saison. Für ihn verlief der Winter nach eigener Aussage nahezu perfekt, nicht zuletzt weil er gemeinsam mit seinem Bruder trainieren konnte. Man hört schnell heraus: Der Junge traut sich einiges zu.
Auch Guillem Farres und Cas Valk wollen 2026 mehr als nur mitfahren. Farres will mit Triumph endlich einen echten, unübersehbaren GP-Sieg holen, während Valk nach dem Team- und Markenwechsel vor allem Konstanz als großes Saisonziel nannte.
Bariloche als erster Gradmesser
Abseits der Fahrerfragen bleibt auch die neue Strecke in Bariloche selbst ein großes Thema. Der Kurs wurde von mehreren Piloten als eher natürlich, weich und rillenanfällig beschrieben. Große Sprungkombinationen scheinen weniger das Problem zu sein – vielmehr dürfte es darauf ankommen, wer mit der sich schnell verändernden Strecke am besten klarkommt.
Genau das ist oft der Stoff, aus dem ein starker Saisonauftakt gemacht wird.
Saisonstart mit mehr Fragen als Antworten – und genau das macht es so gut
Der Media Day in Argentinien hat vor allem eines gezeigt: Diese Saison ist randvoll mit Geschichten. Der Weltmeister fährt mit der Eins. Herlings beginnt nach 17 Jahren ein neues Kapitel. Gajser ist plötzlich Yamaha-Pilot. Ducati will endlich vorne mitmischen. Coenen jagt den großen Wurf. Vialle tastet sich an die MXGP heran. Und in der MX2 steht die nächste Welle an Talenten schon bereit.
Oder anders gesagt: 2026 ist alles angerichtet. Jetzt muss nur noch das Gatter fallen.
