Wenn Erfahrung zum Vorteil wird: Warum die Ü-30-Generation SuperMotocross prägt

Ken Roczen (#94) und Eli Tomac (#3) gehören zu den Ü30 Piloten der SuperMotocross Meisterschaft

Ken Roczen (#94) und Eli Tomac (#3) gehören zu den Ü30 Piloten der SuperMotocross Meisterschaft. / Foto: Feld Entertainment

„Age is just a number“ – selten war dieser Satz im SuperMotocross so greifbar wie aktuell. In einer Sportart, die körperlich brutal, technisch anspruchsvoll und mental gnadenlos ist, zeichnete sich in den vergangenen Monaten ein klares Bild ab: Fahrer jenseits der 30 sind nicht nur noch dabei – sie prägen das Geschehen.

Der Saisonauftakt in Anaheim war kein Einzelfall, sondern ein Auftakt mit Signalwirkung. Und spätestens beim folgenden Rennen in San Diego bestätigte sich der Eindruck: Mit Eli Tomac und Ken Roczen standen erneut zwei Fahrer über 30 auf dem Podium. Kein Zufall. Kein nostalgischer Ausreißer. Sondern Teil eines größeren Trends.

Leistung kennt kein Geburtsdatum

Lange galt im Supercross die unausgesprochene Regel, dass der Zenit spätestens mit Ende 20 erreicht ist. Geschwindigkeit, Explosivität und Regeneration schienen klar an ein junges Alter gekoppelt. Doch das heutige Fahrerlager erzählt eine andere Geschichte. Moderne Trainingsstrukturen, bessere medizinische Betreuung und ein deutlich höheres Verständnis für Belastungssteuerung haben das Karrierefenster verschoben.

Fahrer wie Tomac oder Roczen profitieren dabei nicht nur physisch, sondern vor allem mental. Rennintelligenz, Linienwahl, Rhythmusgefühl und das richtige Maß an Risiko spielen heute eine größere Rolle als blinder Angriff. Erfahrung wird nicht zum Bremsklotz – sie wird zum Werkzeug.

Konstanz schlägt rohe Aggression

Gerade Tomac ist das Paradebeispiel für diese Entwicklung. Seit über einem Jahrzehnt gewinnt er Rennen, unabhängig von Motorradmarke oder Umfeld. Seine Serie von Siegen über zwölf aufeinanderfolgende Saisons hinweg ist kein Produkt von Glück, sondern von Anpassungsfähigkeit. Wechsel der Teams, neue Motorräder, neue Konkurrenz – Tomac hat gelernt, sich neu zu erfinden, ohne seine Identität zu verlieren.

Auch Roczen verkörpert diesen Wandel. Nach schweren Verletzungen zurück auf Podiumsniveau zu kommen und sich dort zu halten, erfordert mehr als Talent. Es braucht Geduld, Selbstkenntnis und die Fähigkeit, Rennen strategisch zu lesen. Dass er regelmäßig mit Fahrern konkurriert, die zehn Jahre jünger sind, spricht für sich.

Lernen hört nicht auf – auch nicht mit 30+

Ein oft unterschätzter Aspekt: Die Ü-30-Generation ist nicht stehen geblieben. Im Gegenteil. Fahrer wie Tomac beobachten, analysieren und übernehmen neue Linien oder Techniken – selbst von jüngeren Kollegen. Erfahrung bedeutet heute nicht Festhalten am Bewährten, sondern selektives Weiterentwickeln.

Dieses Zusammenspiel aus Routine und Offenheit macht den Unterschied. Während jüngere Fahrer oft über das Maximum gehen müssen, um sich zu beweisen, fahren die Erfahrenen näher an ihrem Optimum – und bleiben dadurch konstant vorne.

Kein Rückblick, sondern Gegenwart

Dass beim Saisonstart auch Max Anstie, ebenfalls jenseits der 30, gewinnen konnte, rundete dieses Bild ab. Doch entscheidender als einzelne Siege ist die Häufung solcher Ergebnisse. Anaheim. San Diego. Podien, Siege, Führungsrunden – Woche für Woche. SuperMotocross erlebt keinen Generationenwechsel im klassischen Sinne. Stattdessen entsteht eine Phase, in der Erfahrung und Jugend auf Augenhöhe konkurrieren. Und das macht die Serie nicht langsamer, sondern spannender.

Die aktuelle Saison zeigt: Alter ist im Supercross kein Ausschlusskriterium mehr. Wer seinen Körper kennt, seinen Kopf kontrolliert und bereit ist, sich weiterzuentwickeln, kann auch jenseits der 30 auf höchstem Niveau bestehen.

Die Ü-30-Generation ist kein Übergang – sie ist ein fester Bestandteil der Gegenwart. Und solange Fahrer wie Tomac und Roczen auf dem Podium stehen, bleibt klar: Im SuperMotocross entscheidet nicht das Geburtsjahr. Sondern das Gesamtpaket.