Sekunden, Prozente und ziemlich klare Muster. Was San Diego wirklich erzählt

Ken Roczen (#94) und Eli Tomac (#3) waren Teil der Statistiken des Supercross San Diego.

Ken Roczen (#94) und Eli Tomac (#3) waren Teil der Statistiken des Supercross San Diego. / Foto: Feld Entertainment

Supercross fühlt sich oft nach Chaos an. Startgatter fällt, irgendwer kommt schlecht weg, jemand anderes zaubert sich durchs Feld – und am Ende denkt man: Kannst du eh nicht planen. San Diego zeigt ziemlich eindrucksvoll, dass genau das nur die halbe Wahrheit ist.

Schon im Qualifying wurde sortiert

Der Ton für den Abend wurde früh gesetzt. Eli Tomac stellte mit 52,182 Sekunden die Bestzeit hin. Am anderen Ende der Liste lag David Pulley Jr. bei 64,144 Sekunden. Fast zwölf Sekunden Unterschied – das sind knapp 23 Prozent Leistungsabfall.

Das ist nicht einfach „ein bisschen langsamer“. Das ist eine andere Welt. Während sich Fahrer wie Ken RoczenHunter Lawrence oder Chase Sexton im Zehntelbereich bewegten, war für viele andere da schon klar: Heute geht’s eher ums Überleben als ums Podium.

Vorne brutal eng – aber nicht zufällig

Im Main Event wurde es dann richtig spannend. 21 Minuten Renndistanz, rund 1.277 Sekunden. Und zwischen Sieg und Platz zwei lagen gerade mal 1,307 Sekunden. Das sind 0,10 Prozent der Gesamtdistanz. Zwischen Platz eins und drei: 2,924 Sekunden, also 0,23 Prozent.

Heißt übersetzt: Tomac, Lawrence und Roczen fuhren praktisch im selben Rennen. Unterschiedlich waren nur die kleinen Details – Starts, Linien, ein paar Fehler weniger. Enger geht’s kaum. Zufällig war es trotzdem nicht.

Qualifying ist kein Orakel – aber ziemlich nah dran

Ein Blick auf die Zahlen macht das deutlich. Fahrer aus den Top 5 im Qualifying hatten eine 60-prozentige Chance, später auf dem Podium zu stehen. Genau drei von ihnen taten das auch. Der Qualifying-Schnellste gewann sogar das Rennen – Tomac hat seinen Speed also komplett durchgezogen.

Und die Heats? Nett, wichtig fürs Selbstvertrauen, aber statistisch in San Diego ziemlich egal. Zwei Heat-Sieger, null Main-Event-Siege. Macht eine Conversion-Rate von 0 Prozent. Das Qualifying war der deutlich bessere Indikator.

Bewegung im Feld – aber bitte realistisch bleiben

Natürlich blieb das Rennen nicht statisch. 12 der 22 Fahrern des Main Event verbesserten sich im Vergleich zum Qualifying. Klingt viel – sind 54,5 Prozent. Aber: Der durchschnittliche Zugewinn lag nur bei rund einer Position.

Heißt: Ja, man kann nach vorne fahren. Nein, man fährt nicht mal eben durchs Feld. Ein echtes Ausrufezeichen setzte Joey Savatgy. Qualifying nur auf Rang 14, im Main dann Fünfter. Stark – aber auch ein statistischer Ausreißer. Die Wahrscheinlichkeit für so ein Comeback lag bei unter 10 Prozent.

Startplatz entscheidet mehr, als man zugeben will

Ein ziemlich schonungsloser Wert kommt beim Blick auf die Durchschnittsergebnisse raus. Fahrer aus den Qualifying-Top-5 beendeten das Rennen im Schnitt auf Platz 3,6. Fahrer aus den Rängen 11 bis 20 kamen im Mittel auf Platz 12,7. Das ist ein Unterschied von rund 250 Prozent. Selbst starke Namen wie Jorge Prado spürten das. Gute Ausgangslage, aber im Main kaum noch Spielraum. Die Track Position ist kein Bonus mehr – sie ist Voraussetzung.

Hersteller: keiner drückt allen den Stempel auf

Ein Blick auf die Top 10 zeigt, wie ausgeglichen das Ganze ist. Honda Yamaha und KTM stellten zwei Fahrer, Suzuki und Kawasaki, Husqvarna und Ducati einen. Keine Dominanz, kein Ausreißer. Der Unterschied lag weniger im Motorrad, sondern im Zusammenspiel aus Start, Rhythmus und Fehlerquote. Genau da machten Fahrer wie Tomac oder Lawrence den Unterschied.

International? Längst Standard

Auch spannend: 22,7 Prozent der Main-Event-Starter kamen nicht aus den USA. In den Top 10 waren es sogar 30 Prozent. Mit Roczen, Ferrandis und Lawrence war internationale Klasse nicht Beiwerk, sondern Teil der Spitze.

Supercross ist längst global – nicht nur auf dem Papier.

Unterm Strich

San Diego war kein wildes Lotteriespiel. Es war ein Rennen mit klaren Mustern. Qualifying hat den Rahmen gesetzt, Startpositionen haben Möglichkeiten begrenzt – und vorne entschieden Sekundenbruchteile zwischen bekannten Namen.

Die Zahlen machen den Sport nicht nüchterner. Sie machen ihn verständlicher. Und sie zeigen: Supercross ist unberechenbar – aber nicht grundlos.