Sand, Schmerz und große Emotionen – Schicksalstag bei der Dakar
Adrien van Beveren gewinnt Etappe 10 der Dakar 2026. / Foto: HRC
Die zehnte Etappe der Dakar Rally 2026 machte einmal mehr deutlich, warum dieses Rennen seinen gnadenlosen Ruf trägt. Zwischen Yanbu und Bisha lagen Triumph und Enttäuschung oft nur wenige Sekunden auseinander. Es war ein Tag, an dem Hoffnungen platzten, neue Chancen entstanden und das Gesamtklassement kräftig durchgeschüttelt wurde. Sicher war hier niemand.
Sanders stürzt – der Traum zerbricht
Bis zu diesem Moment schien Daniel Sanders auf dem Weg zu einem perfekten Jahr. Dakar-Sieg, WM-Titel, eine komfortable Führung in der Gesamtwertung – alles wirkte unter Kontrolle. Mehr als sechs Minuten Vorsprung, ein klarer Plan, kühler Kopf. Doch nach 138 Kilometern änderte sich alles schlagartig.
Ein heftiger Sturz in den Dünen und eine Verletzung an der linken Schulter machten aus dem Titelrennen einen Kampf ums Durchhalten. Sanders quälte sich ins Ziel, verlor dabei fast eine halbe Stunde und musste zusehen, wie ein scheinbar sicherer Triumph in der Wüste versandete. Für Red Bull KTM Factory Racing war es ein herber Rückschlag – sportlich wie emotional.
Benavides hält die KTM-Fahne hoch
Während Sanders ums Ankommen kämpfte, rückte Luciano Benavides ins Zentrum des Geschehens. Als Neunter gestartet, nutzte der Argentinier seine Position clever, fuhr entschlossen und lag zwischenzeitlich sogar an der Spitze der Etappe.
Ein Fehler nach dem Tanken, festgefahren in einer besonders weichen Düne, kostete ihn mehrere Minuten und drohte alles zunichtezumachen. Doch Benavides fing sich, kämpfte sich zurück und sicherte sich Platz drei. In der Gesamtwertung liegt er nun nur noch 56 Sekunden hinter der Spitze. Drei Etappen bleiben – und der Kampf um den Dakar-Sieg ist völlig offen.
Van Beveren belohnt sich selbst
Der Tagessieg ging an Adrien Van Beveren, der nach einem bislang wechselhaften Dakar-Verlauf endlich Grund zum Jubeln hatte. Der Franzose meisterte die schwierigen Sandpassagen souverän, feierte seinen siebten Etappensieg bei der Dakar und verbesserte sich auf Rang sechs der Gesamtwertung.
Der Erfolg hatte eine besondere Note: Am Tag, an dem das Biwak dem Dakar-Gründer Thierry Sabine gewidmet war, triumphierte ein Fahrer, dessen Karriere eng mit dem Enduro du Touquet verbunden ist – jenem Rennen, das Van Beveren einst den Weg in den internationalen Rallyesport ebnete.
Brabec übernimmt die Kontrolle
An der Spitze der Gesamtwertung steht nun Ricky Brabec. Der Amerikaner überzeugte erneut mit Konstanz und Übersicht – genau den Eigenschaften, die bei der Dakar oft mehr zählen als reine Geschwindigkeit. Der bevorstehende Zweikampf mit Benavides verspricht Spannung bis zum letzten Tag.
Fairness vor Ergebnis – Canet zeigt Charakter
Abseits der reinen Zeitenliste setzte Edgar Canet ein starkes Zeichen. Der RallyGP-Rookie stoppte seine Fahrt mehrfach, um gestürzten Fahrern zu helfen. Die verlorene Zeit wurde ihm gutgeschrieben, am Ende stand ein zehnter Platz – und vor allem der Beweis, dass bei der Dakar Menschlichkeit manchmal wichtiger ist als Platzierungen.
Deutsche Fahrer mit solider Aufholjagd
Auch aus deutscher Sicht brachte die zehnte Etappe leichte Verbesserungen. Maxi Schek konnte sich im Gesamtklassement weiter nach vorne arbeiten und liegt nun auf Rang 29. Der Rückstand auf die Spitze beträgt nach zehn gefahrenen Etappen +10:02:09 Stunden. Ebenfalls Fortschritte machte Markus Hertlein, der sich auf Position 69 verbessern konnte. Der Deutsche weist aktuell einen Rückstand von +22:51:17 Stunden auf Gesamtführenden Ricky Brabec auf. Für beide gilt: Ankommen, konstant bleiben und jede Etappe nutzen, um weiter Boden gutzumachen – genau das zählt bei dieser Dakar.
Der Blick nach vorn
Die elfte Etappe von Bisha nach Al Henakiyah wird mit fast 900 Kilometern zur nächsten Bewährungsprobe. Lange Verbindungen, anspruchsvolle Navigation und die zunehmende Erschöpfung werden Fahrer und Material bis an die Grenzen bringen.
Die Dakar 2026 ist endgültig offen. Und sie zeigt einmal mehr, warum sie als härtestes Rennen der Welt gilt: Gewinnen kann hier nicht der Fehlerfreie, sondern nur derjenige, der selbst dann weitermacht, wenn alles gegen ihn zu laufen scheint.
