MXGP – Die gelebte Zweiklassengesellschaft

Die OAT Listen der MXGP-Saison 2026 sind draußen und offenbaren eine Zweiklassengesellschaft.

Die OAT Listen der MXGP-Saison 2026 sind draußen und offenbaren eine Zweiklassengesellschaft. / Foto: Infront

Infront veröffentlichte heute die Official Approved Team Liste und erzielt damit viel Glanz, aber wenig Tiefe. Auf dem Papier liest sich die MXGP-Saison 2026 wie ein Best-of der vergangenen Dekade: Weltmeister, GP-Sieger, große Namen, zehn Hersteller mit Werkseinsätzen. Die Qualität an der Spitze ist unbestritten – und genau darin liegt das Problem. Denn während die Elite beeindruckt, bleibt die Breite des Feldes auffallend dünn.

Eine Motocross-Weltmeisterschaft darf sich nicht allein über Starpower definieren. Sie muss auch abbilden, wie viele Fahrer und Teams realistisch in der Lage sind, ein komplettes Jahr auf WM-Niveau zu bestreiten. Und hier wird es kritisch: Die Starterzahlen – insbesondere in der MXGP-Klasse – bewegen sich seit Jahren auf einem Niveau, das dem Anspruch einer Weltmeisterschaft kaum gerecht wird.

Der Vergleich, der weh tut: AMA Supercross als Realitätscheck

Ein Blick über den Atlantik macht das strukturelle Problem unübersehbar. Beim Saisonauftakt der AMA Supercross Championship versuchten rund 50 Fahrer in der SX250-Klasse und knapp 45 Fahrer in der SX450-Klasse, sich über Zeittraining, Heats und LCQs für die Main Events zu qualifizieren – in einer nationalen Serie, nicht in einer Weltmeisterschaft.

Bemerkenswert ist dabei nicht nur die Offenheit des Systems, sondern auch die Größe der Starterfelder. Während im Supercross Woche für Woche 45 bis 50 Fahrer pro Klasse um einen Platz im Hauptrennen kämpfen, liegen die Starterzahlen in der MXGP – insbesondere in der Königsklasse – deutlich darunter. Und das trotz des höheren sportlichen Anspruchs einer Weltmeisterschaft.

Der Unterschied liegt nicht im verfügbaren Talent, sondern im Zugang. In den USA entsteht Konkurrenz durch Offenheit und sportliche Selektion auf der Strecke. In der MXGP wird das Teilnehmerfeld zunehmend administrativ vorab definiert. Das begrenzt nicht nur die Anzahl der Starter, sondern reduziert auch den sportlichen Druck innerhalb des Feldes.

Offenheit vs. Verwaltung

Während im Supercross die Stoppuhr entscheidet, bestimmen in der MXGP zunehmend OAT-Status, Genehmigungen und frühe Listen die Struktur des Feldes. Das Resultat ist ein Starterfeld, das vor Beginn der Saison begrenzt ist – und auch so wahrgenommen wird. Eine Weltmeisterschaft, deren Starterzahlen unter denen einer nationalen US-Serie liegen, verliert nicht an sportlicher Qualität, wohl aber an Substanz. Denn ohne Druck von hinten, ohne echte Breite, ohne Bewegung wird selbst die beste Spitze isoliert.

Dabei verläuft die entscheidende Trennlinie nicht zwischen Werksteams und Privatfahrern, sondern zwischen OAT-Teams und Fahrern, die keine komplette WM-Saison bestreiten. Genau hier greift die faktische Zweiklassengesellschaft. Der OAT-Status ist längst mehr als eine organisatorische Einstufung – er entscheidet darüber, wer unter gleichen sportlichen Bedingungen antreten darf und wer nicht.

Fahrer ohne vollständiges WM-Engagement wurden in der Vergangenheit wiederholt in separate Zeittrainings verschoben. Formal korrekt, sportlich jedoch problematisch. Denn diese Einteilung erfolgte statusbezogen, nicht leistungsbezogen. Die Konsequenz: Selbst dann, wenn ein Nicht-OAT-Fahrer schneller war als ein Pilot eines OAT-Teams, hatte diese Leistung keine Auswirkung auf Startaufstellung oder sportliche Chancen. Der Startplatz lag systematisch hinter dem langsamsten OAT-Fahrer – unabhängig von der gefahrenen Zeit.

OAT-Listen als PR-Instrument – aber zu welchem Preis?

Mit der frühzeitigen Veröffentlichung der Official Approved Teams versucht Infront, Stabilität und Professionalität zu demonstrieren. In der Praxis erzeugt diese Transparenz jedoch vor allem eines: eine permanente Sichtbarmachung der Lücken. Jede OAT-Liste wird zur Messlatte. Jeder fehlende Name fällt auf. Jede geringe Starterzahl wird nicht erst am Rennwochenende, sondern bereits im Winter diskutiert. Was früher dynamisch war, wirkt heute statisch – und damit angreifbar.

Die OAT-Listen machen nicht nur sichtbar, wer dabei ist, sondern auch, wer strukturell außen vor bleibt. Sie dokumentieren ein System, das Stabilität kommunizieren will, dabei aber ungewollt offenlegt, wie begrenzt die sportliche Durchlässigkeit inzwischen ist.

Starterlisten gehören an die Strecke, nicht ins Winter-Marketing

Starterlisten sollten erst dann relevant werden, wenn Motorräder am Startgatter stehen. Nicht im Januar, nicht Monate im Voraus. Denn selbst wenn alle OAT-Teams tatsächlich antreten, ist bereits absehbar, dass die Felder auch 2026 kaum durch Fahrer die die WM nicht komplett bestreiten deutlich wachsen werden.

Privateer verschwinden. Satellitenprojekte kämpfen ums Überleben. Die Einstiegshürden sind hoch, die wirtschaftlichen Risiken enorm. Eine frühe Listung ändert daran nichts – sie dokumentiert es lediglich.

Qualität ersetzt keine Quantität

Die MXGP-Spitze war selten so hochklassig wie 2026. Doch eine Weltmeisterschaft darf sich nicht darauf ausruhen, wenn dahinter die Reihen immer dünner werden. Der Vergleich mit der AMA Supercross-Meisterschaft ist unbequem – aber notwendig. Wenn nationale Serien regelmäßig größere Starterfelder aufbieten als eine Weltmeisterschaft, ist das kein Detail,sondern ein strukturelles Warnsignal.

Vielleicht braucht es weniger Vorab-Inszenierung und weniger Genehmigungslisten – und dafür mehr Offenheit, niedrigere Einstiegshürden und echte sportliche Selektion. Denn eine Weltmeisterschaft wird nicht nur durch ihre Champions definiert, sondern durch das Feld, das sie trägt. Wenn Zugang, Startpositionen und sportliche Chancen zunehmend vom OAT-Status abhängen, wird diese Breite nicht gestärkt, sondern verwaltet. Der sportliche Wettbewerb verliert dadurch nicht an Glanz – aber an Substanz.

Official Approved Teams / Rider 2026 (Stand 23.01.2026)

INF 26 20251 MXGP OAT LISTS 2026 01 23
INF 26 20251 MX2 OAT LISTS 2026 01 23