Ken Roczen und dieses Gefühl, wieder mittendrin zu sein
Ken Roczen über den AMA Supercross Saisonauftakt. / Foto: Chase Lennemann
Anaheim 1 ist immer speziell. Der Saisonauftakt, volle Ränge, gespannte Gesichter – und diese Mischung aus Hoffnung und Nervosität, die man selbst an gestandenen Profis noch spürt. Für Ken Roczen war der Auftakt 2026 genau das: intensiv, fordernd und am Ende genau dort, wo er hingehört – auf dem Podium.
Schon früh im Main Event wurde klar, dass Roczen nicht zum Mitfahren gekommen war. Über die komplette Distanz lieferte er sich ein enges Duell mit Eli Tomac. Mal schloss er auf, mal öffnete sich die Lücke wieder. Ein ständiges Hin und Her, das Kraft kostet – körperlich und mental. „Es hat mich schon ein bisschen genervt“, gab Roczennach dem Rennen ehrlich zu. „Jedes Mal, wenn ich näher kam, dachte ich, jetzt kann ich dranbleiben. Aber es hat einfach nicht ganz gereicht.“
Ein Track, der keine Fehler verzeiht
Der Kurs in Anaheim präsentierte sich typisch für einen Auftakt: hart, kantig, unruhig. Viel Grip war da – aber nur, wenn man ihn richtig traf. Wegbrechende Anlieger, eine lange Rhythm-Sektion, dazu Regenreste und lose Steine. Wer zu viel wollte, verlor sofort Zeit.
Roczen beschrieb es treffend: Geduld war der Schlüssel. Besonders Bein großen Gaps, etwa am Triple auf den Tabletop, entschied oft ein halber Meter über Vortrieb oder Stillstand. „Das sind diese kleinen Bereiche, die am Ende einen riesigen Unterschied machen“, sagte er. „Und ich habe sie ein paar Mal nicht perfekt getroffen.“
Der Start, der Neustart – und der Kopf
Ein Knackpunkt des Rennens war der Abbruch nach der Red Flag. Roczen war mit seinem ersten Start zufrieden gewesen, hatte eine gute Position – und musste dann alles neu ordnen. Keine einfache Situation. „Es ist ein komisches Gefühl, wieder am Gatter zu stehen“, erklärte er. „Aber du musst das ausblenden.“
Was ihm dabei half: Vertrauen. Vertrauen ins Motorrad – und in sich selbst. Seit Monaten fährt Roczen praktisch mit demselben Setup, ohne große Änderungen. Kein hektisches Testen, kein ständiges Nachjustieren. „Ich kenne mein Motorrad einfach. Ich habe es auf Hardpack, im Sand, auf Lehm gefahren. Ich weiß, was es macht – und das gibt mir Ruhe.“
Die ersten Runden: Instinkt statt Erinnerung
Wie viele Überholmanöver ihm in den ersten Runden gelangen, konnte Roczen im Nachhinein kaum sagen. „Sobald das Gatter fällt, will ich einfach nur nach vorne. Wo genau ich wen überhole, weiß ich später oft gar nicht mehr.“ Was auffiel: seine Linienwahl. Traktion dort, wo andere rutschten. Bewegung, Präzision, Kontrolle. Besonders im letzten Rennviertel wurde das sichtbar – dort, wo viele abbauen, legte Roczen noch einmal zu.
Nicht loslassen – aber auch nicht überziehen
Die letzten Minuten waren vielleicht der stärkste Abschnitt seines Rennens. Kein Aufgeben, kein Verwalten. Immer die Hoffnung, dass noch etwas passieren könnte. „Du weißt nie, was passiert. Überrundete, ein kleiner Fehler – plötzlich bist du da.“ Gleichzeitig blieb Roczen realistisch. 16 Rennen stehen noch an. Zu viel Risiko beim Auftakt hätte niemandem geholfen. „Du darfst den Track nicht überfahren. Diese Grenze ist extrem schmal.“
Ein Auftakt, der mehr sagt als Platz zwei
Es war nicht der Sieg. Aber es war ein Statement. Anaheim 1 verlassen – auf dem Podium, mit Vertrauen, mit Speed, mit einem Motorrad, das funktioniert. „Wenn du hier auf dem Podium stehst, ist das ein guter Start. Egal ob Erster oder Dritter.“
Vielleicht ist genau das der Punkt: Roczen wirkt 2026 nicht getrieben. Er wirkt klar. Wach. Geduldig. Und vor allem wieder voll im Titelgeschehen angekommen. Anaheim war erst der Anfang. Aber ein sehr solides Fundament.
