Henry Jacobi – Ein Jahr nach seinem Karriereende
Henry Jacobi hat vor etwas mehr als einem Jahr seinen Helm an den Nagel gehangen
Ein Jahr ist vergangen, seit Henry Jacobi in Holzgerlingen sein letztes Profi-Rennen gefahren ist. Kein großes Abschiedsspektakel, kein lauter Abgang – sondern eine bewusste Entscheidung, die er schon während seiner letzten Saison innerlich getroffen hatte. Heute ist klar: Dieses Kapitel ist für ihn geschlossen.
Statt Rennkalender, Reisen und Trainingsplänen bestimmt inzwischen der Alltag im Familienbetrieb Jacobi Schmierstoffe seinen Rhythmus. Ein Leben mit mehr Struktur, mehr Verantwortung – und weniger Freizeit. Genau darüber spricht Jacobi in diesem exklusiven Interview so offen wie selten zuvor. Über die Umstellung nach dem Karriereende, über einen Körper, der endlich zur Ruhe kommt, über Momente, in denen ihm der Sport fehlt – und viele, in denen er froh ist, aufgehört zu haben.
Gleichzeitig bleibt Jacobi der Szene eng verbunden. Er verfolgt Motocross weiterhin aufmerksam, ordnet Entwicklungen ein und spart nicht mit klaren Meinungen – zu den ADAC MX Masters, zu Team Germany beim Motocross of Nations und zu den Strukturen im deutschen Motocross insgesamt. Ehrlich, reflektiert und ohne Filter.
Ein Gespräch mit einem Ex-Profi, der nichts verklärt, nichts bereut – und der heute genau weiß, warum sein Karriereende die richtige Entscheidung war.
Henry, es ist jetzt gut ein Jahr her, seit du in Holzgerlingen dein letztes Profi-Rennen gefahren bist. Wie fühlt sich dieser Abstand heute an – ist der Rücktritt endgültig in deinem Kopf angekommen?
Ja, absolut. Ich wusste schon während der Saison, dass es meine letzte sein würde, und habe diese Zeit bewusst noch einmal maximal genossen. Für mich war das Kapitel damit abgeschlossen. Dieser Gedanke hat sich seitdem nicht verändert und ist fest in meinem Kopf verankert.
Wenn du auf das letzte Jahr zurückblickst: Was war schwerer als gedacht am Leben ohne Rennkalender – und was überraschend leicht?
Am schwierigsten war die Umstellung auf Regelmäßigkeit. Das Motocross-Profi-Dasein bringt normalerweise deutlich mehr Freizeit mit, und genau diese Umstellung war schwieriger als gedacht – der klassische Arbeitsrhythmus war ungewohnt. Auch regelmäßig Sport in den Alltag einzubauen, fiel mir schwerer als erwartet. Überraschend leicht war dagegen, dass mir meine Arbeit heute mehr Spaß macht, als ich gedacht hätte.
Deine Entscheidung war damals stark von gesundheitlichen Gründen geprägt. Wie geht es deinem Körper heute, und hast du das Gefühl, dass sich dieser Schritt langfristig ausgezahlt hat?
Ja, es ging dabei auch um meine Gesundheit – und die hat sich auf jeden Fall verbessert. Mit meinem Kreuzband, das vorher noch problematisch war, habe ich nun schon sehr lange keine Beschwerden mehr. Es gibt zwar weiterhin kleinere Baustellen, aber im Alltag ist alles gut im grünen Bereich. Rückblickend hat sich die Entscheidung gesundheitlich definitiv ausgezahlt.
Du hast immer gesagt, Motocross war für dich nie nur ein Job, sondern Leidenschaft. Wie sieht dein Verhältnis zum Motorrad heute aus – bist du noch regelmäßig auf dem Bike oder eher Zuschauer geworden?
Ich fahre nach wie vor sehr gerne Motorrad und schaue mir auch Motocross-Rennen mit großer Begeisterung an – egal ob MXGP oder Supercross. Alles, was mich interessiert, verfolge ich weiterhin aufmerksam. Gleichzeitig spielt im Bezug aufs Fahren inzwischen der finanzielle Aspekt eine Rolle, da ich alles, was ich verbrauche, selbst bezahlen muss. Deshalb bin ich insgesamt deutlich seltener auf dem Bike unterwegs.
Wenn ich jedoch fahre, genieße ich es umso mehr. Ich komme nach wie vor gut zurecht und bin einfach froh, wenn ich hier und da immer wieder auf das Bike steigen kann.
Du bist inzwischen fest im Familienbetrieb angekommen – und gleichzeitig steht bei Dir und Freundin Saskia ein ganz neuer Lebensabschnitt bevor. Wie sehr verändert der anstehende Nachwuchs deinen Blick auf Risiko, Sport und Lebensplanung?
Ja, ich bin fest im Familienbetrieb angekommen, aber dadurch, dass ich dieses Jahr Vater werde, verändert sich die Perspektive natürlich noch einmal. Selbst wenn es sportlich noch einmal gereizt hätte, würde ich dieses Risiko heute nicht mehr eingehen. Mit der Verantwortung als Vater verstärkt sich dieses Gefühl zusätzlich. Es ist kein einzelner Auslöser, sondern ein weiterer logischer Schritt, der meine Entscheidung bestätigt.
Gibt es trotzdem noch diese Momente, in denen es kribbelt? Bestimmte Rennwochenenden oder Strecken, bei denen du kurz denkst: „Jetzt wäre ich gern wieder mittendrin“?
Ja, bei bestimmten Strecken oder extremen Bedingungen kommt dieses Gefühl kurz zurück. Besonders schwierige Strecken oder Schlammrennen lösen das aus – das waren immer meine Bedingungen. Trotzdem gab es nie einen Moment, in dem ich wirklich dachte, ich müsste wieder dabei sein. Ich weiß, was alles dazugehört, und dann relativiert sich das schnell.
Damals hast du gesagt, ein Comeback sei nicht ausgeschlossen, aber sehr unwahrscheinlich. Wie fühlt sich diese Tür heute an – weiter geschlossen oder gedanklich immer noch einen Spalt offen?
Ich habe zwar gesagt, dass es nicht komplett ausgeschlossen ist, aber für mich war es schon damals eigentlich ausgeschlossen. Möglicherweise habe ich das hin und wieder so formuliert, weil man auf Instagram ja auch ganz gern mal ein bisschen spielt oder die Leute bewusst im Unklaren lässt. Unterm Strich ist die Tür jedoch zu – und sie bleibt vorerst auch ganz klar zu.
Mit etwas Abstand blickt man oft klarer auf Strukturen. Wie schaust du heute auf die ADAC MX Masters und den deutschen Motocross insgesamt – hat sich dein Blick verändert?
Mit etwas Abstand sehe ich vieles ähnlich wie früher. Natürlich freue ich mich sehr darüber, dass wir wieder einen deutschen Weltmeister haben – das ist seit Ken Roczen ein enorm wichtiger Erfolg für den deutschen Motocross insgesamt. Bei den ADAC MX Masters erkenne ich durchaus den Anspruch, sich weiterzuentwickeln und Dinge verbessern zu wollen. Das kann und sollte man ihnen nicht absprechen. Gleichzeitig gibt es nach wie vor Punkte, die mich beschäftigen und auch stören.
Auch beim deutschen Motocross insgesamt sehe ich viel Potenzial, das nicht immer ausgeschöpft wird. Gerade beim MXoN bin ich weiterhin der Meinung, dass aus den vorhandenen Möglichkeiten zu wenig gemacht wird. Deutschland ist eine echte Motocross-Nation, viele Menschen leben für diesen Sport. Dennoch gelingt es aus meiner Sicht nicht ausreichend, Fans mitzunehmen, einzubinden und eine echte Dynamik rund um das Team Germany zu schaffen.
Unterm Strich: Es gibt Fortschritte und den Willen zur Verbesserung, aber auch strukturelle Themen, die seit Jahren bestehen. Ob neue Ansätze – etwa der starke Fokus auf Social Media – langfristig die gewünschte Wirkung zeigen, bleibt abzuwarten. Das ist meine persönliche Einschätzung, die sich über die Jahre kaum verändert hat.
Du hast früher mehrfach gesagt, dass du dir den Posten des Teamchefs von Team Germany beim Motocross of Nations zutrauen würdest. Hat sich daran etwas geändert?
Ich sehe mich nach wie vor als eine sehr gute Option für die Rolle des Teamchefs von Team Germany beim Motocross of Nations. Ich bringe viel Erfahrung aus meiner eigenen Karriere mit, kenne die Abläufe, weiß, wie viel Fahrer verdienen, und habe ein gutes Netzwerk an Kontakten. Oft geht es bei dieser Aufgabe nicht nur um sportliche Entscheidungen, sondern auch darum, ein solches Wochenende finanziell sinnvoll und nachhaltig aufzustellen – und genau da weiß ich, wie man ansetzen könnte.
Gleichzeitig ist mir bewusst, dass man für diese Rolle berufen werden muss und dass die Entscheidungsträger meine Einschätzung offenbar nicht uneingeschränkt teilen. Für mich gehört zu diesem Posten aber deutlich mehr als nur die Betreuung der Fahrer: Es geht um kluge Entscheidungen rund um das gesamte Wochenende, um Außendarstellung und um den Umgang mit den Athleten. Genau hier sehe ich seit Jahren Defizite, nicht nur mir gegenüber, sondern auch gegenüber den Fahrern, die das Team tatsächlich vertreten.
Wenn ich an frühere Teamchefs wie Hubert Nagl oder auch Wolfgang Thomas denke, dann waren das Persönlichkeiten mit echtem Motorsportverständnis und klarer Struktur. Diese Linie vermisse ich aktuell. Ich bin überzeugt, dass ich diesen Job nicht nur anders, sondern auch so machen würde, dass es am Ende deutlich weniger Reibungspunkte und Beschwerden gäbe.
Dein MotoFlakes-Podcast lebt von klaren Meinungen. Ist es leichter oder schwerer geworden, Dinge offen anzusprechen, seit du selbst nicht mehr aktiv Teil des Systems bist?
Der Podcast lebt ganz klar davon, dass wir unsere Meinungen offen aussprechen – das gilt für mich genauso wie für Tom. In dem Punkt hat sich grundsätzlich nichts geändert. Was für mich allerdings schwieriger geworden ist, sind die ganz tiefen Einblicke. Wenn man nicht mehr regelmäßig an den Rennen vor Ort ist, muss man vorsichtiger sein. Wenn ich etwas kritisch anspreche, will ich mir sicher sein, dass es auch genau so passiert ist. Deshalb halte ich mich bei manchen Themen heute bewusst etwas zurück.
Gleichzeitig gibt es aber viele Dinge, bei denen ich mir sicher bin – und die spreche ich weiterhin genauso klar an wie früher. Das hat nichts damit zu tun, dass ich nicht mehr aktiv Teil des Systems bin, sondern damit, dass ich im Podcast weiterhin über Themen reden möchte, die mich beschäftigen und von denen ich glaube, dass sie die Hörer auch wirklich interessieren.
Wenn heute ein junger Fahrer zu dir kommt, talentiert, ehrgeizig, aber körperlich und mental am Limit – was würdest du ihm raten, was du selbst früher vielleicht gebraucht hättest?
Das ist eine schwierige Frage. Ich würde raten, in ein strukturiertes Programm zu investieren – für mich ganz klar das Umfeld bei Christoph Selent. Dort stimmen Know-how, Erfahrung und Infrastruktur. Vergleichbare Möglichkeiten sehe ich in Deutschland nur selten. Und man muss ehrlich sein: Wenn jemand körperlich und mental am Limit ist, ist Motocross vielleicht nicht der richtige Weg.
Um in diesem Bereich wirklich erfolgreich zu sein und irgendwann davon leben zu können, muss vieles perfekt zusammenpassen – körperlich, mental und strukturell.
Gab es im letzten Jahr einen Moment, in dem du ganz klar dachtest: „Gut, dass ich aufgehört habe“ – und einen, in dem dir schlagartig bewusst wurde, was dir fehlt?
Ja, solche Momente gab es definitiv. Es gab viele Situationen, in denen ich gedacht habe, dass es gut war aufzuhören. Ich bin heute einfach nicht mehr so ehrgeizig. Ich habe in meiner Karriere im Grunde alles geschafft, was ich mir vorgenommen hatte. Klar, Weltmeister zu werden wäre schön gewesen, aber mir war auch immer bewusst, dass es am Ende nur einen gibt – und ich habe mich mit dem Gedanken arrangiert, dass ich es vielleicht nicht bin. In solchen Momenten habe ich mich oft bestätigt gefühlt in meiner Entscheidung aufzuhören.
Gleichzeitig gab es aber auch den gegenteiligen Moment. Mir ist irgendwann schlagartig bewusst geworden, was mir fehlt – und das ist vor allem Freizeit. Dieses freie Leben, in den Tag hineinzuleben, Sport zu machen und ansonsten wenig Verpflichtungen zu haben. Im Nachhinein habe ich gemerkt, dass ich diese Zeit viel zu wenig geschätzt habe.
Früher war es normal, jeden Tag ein paar Stunden zu trainieren, heute weiß ich, dass das im Vergleich zu einem normalen Arbeitsalltag eigentlich ein Luxus war. Das merkt man aber oft erst, wenn es vorbei ist. Dieses Gefühl, nicht ständig auf Wochentage zu achten, sondern einfach im Rhythmus des Sports zu leben – genau das fehlt mir heute am meisten.
Und zum Abschluss: Wenn du dein Karriereende heute, ein Jahr später, in einem Satz zusammenfassen müsstest – wie würde dieser lauten?
In einem Satz wäre es ganz klar: Alles richtig gemacht.
