Hard-Enduro-WM 2026: Wenn die Elite Nein sagt
Manuel Lettenbichler ist einer der WERA Sprecher, die gegen den aktuellen Hard-Enduro-WM-Kalender sind. / Foto: Future7Media
Die FIM Hard Enduro World Championship steuert auf eine ihrer größten Krisen zu. Noch bevor die Saison 2026 überhaupt begonnen hat, haben die führenden Fahrer der Szene eine klare Grenze gezogen. Über die World Enduro Riders Association (WERA) kündigten sie an, den offiziell veröffentlichten Neun-Runden-Kalender nur noch teilweise zu bestreiten – maximal sechs Läufe sollen es werden.
Getragen wird diese Entscheidung von der kompletten sportlichen Spitze: Alfredo Gomez, Manuel Lettenbichler, Mario Roman und Billy Bolt stehen geschlossen hinter dem Kurs. Dass sich die Elite eines Weltmeisterschaftsformats derart einig positioniert, ist ungewöhnlich – und sagt viel über die Tiefe des Problems aus.
Neun Rennen rund um den Globus – für viele schlicht zu viel
Aus Sicht der Fahrer liegt das Problem nicht auf der Strecke, sondern dazwischen. Ein WM-Kalender mit neun Rennen auf drei Kontinenten klingt auf dem Papier nach Größe und Internationalität – fühlt sich im Fahrerlager aber nach Dauerstress an. Lange Flüge, komplizierte Materialtransporte, steigende Nenngelder und ein immer größerer logistischer Aufwand treffen auf Budgets, die eher kleiner als größer werden.
Genau das habe die Saison 2025 bereits deutlich gezeigt, sagt die WERA: Viele Fahrer, Teams und Hersteller seien an oder über ihre Belastungsgrenze gekommen – finanziell wie organisatorisch. Der Vorwurf der Fahrer ist klar: Die Realität im Fahrerlager sei bei der Kalenderplanung kaum berücksichtigt worden. Konkrete Entlastung durch den Promoter? Aus Fahrersicht Fehlanzeige.
Sechs Rennen plus die zwei Fixpunkte der Szene
Dabei geht es den Fahrern nicht darum, weniger Rennen aus Bequemlichkeit zu fahren. Im Hard Enduro gibt es mit dem Erzbergrodeo und den Romaniacs zwei Veranstaltungen, an denen praktisch kein Topfahrer vorbeikommt – sportlich wie wirtschaftlich. Diese Events sind gesetzt. Alles andere muss sich daran messen lassen.
Genau hier setzt der Gegenvorschlag der WERA an: sechs WM-Läufe plus diese beiden Klassiker. Ein Modell, das planbar bleibt, Ressourcen schont und trotzdem sportlich Substanz hat. Nach Angaben der Fahrer wurde dieses Konzept bereits frühzeitig eingebracht – unter anderem in Gesprächen rund um Hixpania und GetzenRodeo im Herbst 2025. Nach der offiziellen Kalenderveröffentlichung im Dezember blieb davon allerdings wenig übrig. Zusagen oder finanzielle Unterstützung? Blieben aus.
Diese Rennen wollen die Fahrer auslassen
Die Konsequenz ist nun eindeutig. Mehrere WM-Läufe gelten im aktuellen Setup als nicht tragbar und sollen geschlossen ausgelassen werden:
- XL Lagares (Portugal) Extrem abgelegen, mit zusätzlichem Aufwand durch einen weit entfernten Prolog.
- Roof of Africa (Lesotho) Hoher logistischer und finanzieller Aufwand, zuletzt zudem massiv in der Kritik, was Organisation und Ablauf betrifft.
- Sea to Sky (Türkei) Teure Anreise und Einschreibung, dazu kaum Zeit zur Regeneration vor Hixpania.
- Forza Orza (Schweden) Überschneidet sich mit dem Tennessee Knock Out – für viele Topfahrer ein No-Go. Teilnahme nur bei Terminverschiebung.
Fahren wollen die WERA-Mitglieder nur jene sechs Rennen, die aus ihrer Sicht sportlich sinnvoll und organisatorisch machbar sind: Alès Trêm, Silver Kings, Abestone, Wild Woods Extreme, Hixpania – und Forza Orza, falls der Termin angepasst wird.
WM ohne Stars – WM ohne Substanz
Die Folgen dieser Haltung wären gravierend. Eine Weltmeisterschaft ohne ihre besten Fahrer verliert nicht nur sportliche Qualität, sondern auch ihre Glaubwürdigkeit. Titelwert, mediale Strahlkraft und wirtschaftliche Attraktivität stehen zur Disposition. Der Begriff „Weltmeisterschaft“ wird dann schnell zur Formalie.
WERA-Präsident Alfredo Gomez formuliert es entsprechend klar: Man wolle den Sport schützen und weiterentwickeln – aber nicht auf Kosten der Fahrer, Teams und Hersteller.
Ein möglicher Präzedenzfall
Besonders brisant ist die Signalwirkung dieser Entscheidung. Erstmals stellt sich eine komplette Fahrerelite geschlossen gegen einen WM-Kalender und definiert öffentlich, was sie bereit ist mitzutragen – und was nicht. Das könnte einen Präzedenzfall schaffen, der über das Hard Enduro hinausreicht.
Auch in der MXGP Motocross World Championship steht der seit Jahren auf rund 20 Rennen angewachsene Kalender immer wieder in der Kritik. Hohe Reisekosten, lange Saison, steigende körperliche Belastung – intern sind diese Themen längst präsent. Die Hard-Enduro-Entscheidung wirft daher eine unbequeme Frage auf: Was passiert, wenn auch MXGP-Fahrer beginnen, eine WM nur noch teilweise zu bestreiten?
Der entscheidende Unterschied liegt allerdings in den Strukturen. Während Hard-Enduro-Fahrer vergleichsweise unabhängig agieren, sind MXGP-Piloten eng an Factory-Teams gebunden. Ob Hersteller einen solchen Kurs mittragen würden, erscheint derzeit eher fraglich. Marketinginteressen und globale Präsenz wiegen dort schwer.
Der Ball liegt bei Promoter und FIM
Noch ist nichts endgültig entschieden. Die WERA signalisiert weiterhin Gesprächsbereitschaft – allerdings nur auf Basis realer Entlastung und struktureller Anpassungen. Ignorieren Promoter und FIM die geschlossene Haltung der Fahrer, droht der Hard-Enduro-WM 2026 ein massiver Bedeutungsverlust.
Die Botschaft aus dem Fahrerlager ist klar und ungewohnt deutlich: Wachstum um jeden Preis ist kein Fortschritt.
