Elektromotorräder im Motorsport: Der DMSB zieht die Zügel an

Ob der DMSB auch eine Kennzeichnung der Elektrobikes, wie in der WSX, mit andersfarbigen Numberplates im Auge hat?

Ob der DMSB auch eine Kennzeichnung der Elektrobikes, wie in der WSX, mit andersfarbigen Numberplates im Auge hat? / Foto: SX Global

Elektromotorräder, wie die Stark Varg, haben im Offroadsport längst ihren Platz gefunden, aber mit dem neuen DMSB-Handbuch 2026 wird klar: Jetzt wird es wirklich ernst. Was bisher oft nach „Wir probieren mal etwas Neues“ klang, bekommt nun ein sehr solides Fundament. Die Regeln sind umfassend, detailliert – und vor allem eines: kompromisslos auf Sicherheit ausgelegt. Genau das ist der Schritt, den der Elektrosport gebraucht hat.

Ein neues Kapitel für E-Motorräder

Die Bestimmungen orientieren sich an den FIM-Regeln und gelten für vollwertige elektrische Geländemotorräder – keine E-Bikes, keine Hybridlösungen. Der Gedanke dahinter ist simpel: Wenn diese Maschinen im Rennsport bestehen sollen, müssen sie denselben Anspruch erfüllen wie Verbrenner – nur eben mit ganz eigenen Herausforderungen.

Dabei lässt der DMSB viel Freiraum, was Marken, Bauarten oder Prototypen angeht. Entscheidend ist nicht, wie ein Motorrad aussieht, sondern ob es sicher funktioniert. Und ja: Das Reglement lässt sich jederzeit anpassen, falls sich technische Entwicklungen oder Sicherheitsaspekte ändern. In einer Welt, in der E-Mobilität sich praktisch jährlich neu erfindet, ist genau diese Flexibilität entscheidend.

Hochvolt im Offroadbereich – und warum das so viel Aufmerksamkeit braucht

Wer an Elektromotorräder denkt, denkt oft an leise Beschleunigung oder linearen Vortrieb. Was aber gern vergessen wird: Hinter dieser „einfachen“ Kraft steckt komplexe, hochsensible Technik. Das beginnt bei der Spannungsführung – die je nach Klasse mehrere Hundert Volt erreichen kann – und endet bei der Frage, wie ein Motorrad nach einem Sturz reagiert.

Der DMSB macht eindeutig klar: Freiliegende Hochvolt-Komponenten sind tabu. Leitungen müssen isoliert, geschützt und eindeutig gekennzeichnet sein. Wer ein orangenes Kabel sieht, weiß sofort: Abstand halten. Gerade für Streckenposten oder Rettungskräfte ist das essenziell – denn sie müssen im Ernstfall ohne zu zögern wissen, woran sie sind.

Wenn ein Motorrad mit dir redet

Eine der spannendsten Neuerungen ist das visuelle Sicherheitskonzept. Ein E-Motorrad muss klar sichtbar anzeigen, in welchem Zustand es sich befindet: sicher, fahrbereit oder gefährlich. Ein blinkendes Grün bedeutet: noch unter Spannung, aber nicht aktiv. Dauergrün heißt: fahrbereit. Und Rot – oder gar kein Licht – bedeutet, dass etwas nicht stimmt.

Diese Logik ist nicht nur für Fahrer hilfreich. Auch Mechaniker, Offizielle und selbst Zuschauer erkennen damit, ob ein Bike gerade in einem potenziell riskanten Zustand ist. Die Elektrotechnik wird sichtbar – und genau das macht sie berechenbarer.

Not-Aus, Neigungssensor und Sicherungsband: Sicherheit, die im entscheidenden Moment zählt

Der klassische „Kill Switch“ eines Verbrenners ist im Vergleich dazu ein Kinderspiel. Ein E-Motorrad muss im Notfall nicht nur den Motor stoppen, sondern die komplette Hochvoltversorgung sicher herunterfahren. Deshalb trennt der Not-Aus-Schalter Plus und Minus der Batterie und sorgt dafür, dass die Spannung innerhalb kürzester Zeit unter die kritische Marke fällt.

Besonders interessant: Das Abschaltsystem kann entweder über ein Sicherungsband am Handgelenk oder über einen Neigungssensor ausgelöst werden. Beide Varianten stellen sicher, dass ein gestürztes Motorrad nicht weiter unter Strom steht oder gar Gas annimmt. Was banal klingt, ist in Wirklichkeit einer der sensibelsten Punkte im gesamten Reglement.

Die Batterie – Herzstück, Risikofaktor und technisches Wunderwerk

Kaum ein Bauteil entscheidet so stark über Sicherheit und Performance wie der Akku. Deshalb gelten hier extrem strenge Regeln: Falltests aus einem Meter Höhe, Wasserkontakt-Prüfungen, umfassende Schutzvorgaben gegen Feuer, Überspannung, Kurzschluss oder mechanische Einwirkung.

Dazu kommt ein vollständig verpflichtendes BMS – Battery Management System, das unter anderem verhindern muss, dass Zellen thermisch durchgehen. Denn genau das ist der Albtraum jedes Motorsportlers, der mit Lithium-Systemen arbeitet.

Besonders konsequent: Zu jeder Maschine muss ein detailliertes Sicherheitsdatenblatt eingereicht werden, das sogar Hinweise zu Umweltgefahren, Brandverhalten und Handhabung enthält. Elektromobilität bedeutet Verantwortung – und der DMSB belässt es nicht bei schönen Worten.

Laden im Fahrerlager: ein kontrollierter Prozess statt Chaos an der Steckdose

Auch beim Laden geht es nicht mehr um „einfach Kabel rein und gut“. Der DMSB schreibt vor, dass ausschließlich die Energieversorgung des Veranstalters genutzt werden darf. Dazu braucht es Schutzsysteme, Erdung, Fehlerstromüberwachung – und absolute Ruhe am Motorrad.

Während des Ladens wird nicht geschraubt, nicht gestartet und das Motorrad nicht bewegt. Der Ladevorgang ist ein eigener sicherheitsrelevanter Prozess, kein Pausenfüller zwischen zwei Trainingssessions.

Hochvoltarbeit heißt auch Hochvoltschutz

Teams in der Hochvoltklasse benötigen persönliche Schutzausrüstung, wie sie sonst im Industriebereich oder bei Energieversorgern vorgeschrieben wäre: isolierte Handschuhe, Schutzbrillen, feuerresistente Decken, spezielle Feuerlöscher für Lithium-Ionen-Brände und sogar einen Nothaken, um verunfallte Motorräder aus Gefahrenbereichen zu ziehen.

Und die Offiziellen? Die müssen genauso ausgestattet sein. Elektromobilität funktioniert nur, wenn alle Beteiligten auf demselben Wissens- und Sicherheitsstand sind – vom Mechaniker bis zum Sportwart.

Die technische Kontrolle: ohne Zertifikat kein Meter auf der Strecke

Bevor ein E-Motorrad überhaupt an Training oder Rennen teilnehmen darf, muss es durch eine umfassende technische Abnahme. Dabei wird nicht nur geprüft, ob das Bike den Regeln entspricht, sondern auch, ob der Fahrer die vorgeschriebene Schutzausrüstung trägt und das Team für den Notfall ausgestattet ist.

Wird ein Motorrad während des Rennens beschädigt, muss es erneut vorgeführt werden. Erst wenn klar ist, dass keine Gefahr besteht, darf es zurück auf die Strecke. Das klingt streng – und ist es auch. Aber genau das sorgt dafür, dass Elektromotorräder im Rennsport verlässlich funktionieren.

Was dieses Reglement wirklich bedeutet

Der DMSB macht hier eines sehr deutlich: Elektromotorräder sind nicht die Zukunft – sie sind Gegenwart. Und wenn eine neue Technologie im Motorsport bestehen soll, dann mit klaren Regeln, absoluter Sicherheit und einer Struktur, die Teams und Fahrer leitet, statt sie im Nebel stehen zu lassen.

Das Handbuch 2026 ist deshalb nicht einfach ein technisches Dokument. Es ist ein Statement: Elektromobilität bekommt ihren Platz im Rennsport – aber nicht um jeden Preis, sondern unter Bedingungen, die den Sport sicherer, professioneller und langfristig nachhaltiger machen.