Dakar Rally 2026: Etappe 12 – Bühne frei für Brabec
Ricky Brabec übernimmt vor der letzten Etappe der Dakar 2026 die Führung. / Foto: HRC
Manchmal entscheidet sich die Dakar nicht im Angriff, sondern im bewussten Verzicht darauf. Ricky Brabec hat das auf der vorletzten Etappe der Rallye 2026 eindrucksvoll bewiesen.
Was am Vortag noch wie ein Risiko aussah, entpuppte sich als präzise kalkulierter Schritt. Brabec ließ die Gesamtführung bewusst an Luciano Benavides gehen – nicht aus Schwäche, sondern aus Überzeugung. Sechs Minuten Startabstand, 23 Sekunden Rückstand im Klassement. Genau die Konstellation, die es ihm erlaubte, seine größte Stärke auszuspielen: Kontrolle statt Chaos.
Auf der Strecke von Al Henakiyah nach Yanbu wurde schnell klar, wohin die Reise geht. Brabec wirkte ruhig, fokussiert, nahezu unantastbar. Während andere mit Navigation, Staub und Rhythmus kämpften, fuhr der Amerikaner sein Rennen – sauber, effizient, ohne sichtbare Fehler. Am Ende stand sein 13. Etappensieg bei der Dakar, der zweite in diesem Jahr, und vor allem eine klare Botschaft: Diese Rallye ist wieder seine.
Aus 23 Sekunden Rückstand wurden 3 Minuten und 43 Sekunden Vorsprung. Ein Polster, das vor der kurzen Finaletappe mehr bedeutet als nur Zeit – es bedeutet Kontrolle.
Benavides kämpft weiter – aber die Rechnung wird eng
Luciano Benavides tat auf Etappe 12 alles, was in seiner Macht stand. Früh arbeitete er sich nach vorne, übernahm die Navigation und sammelte Bonussekunden. Platz zwei auf der Etappe war das Maximum – sportlich stark, strategisch notwendig.
Doch die Realität der Dakar ist gnadenlos ehrlich. Mit weniger als vier Minuten Rückstand und nur noch gut 100 Wertungskilometern vor sich ist klar: Benavides braucht mehr als einen guten Tag. Er braucht einen außergewöhnlichen. Fehlerfreiheit allein wird nicht reichen.
Dass ein Comeback auf der letzten Etappe möglich ist, hat die Geschichte gezeigt. Doch die Voraussetzungen sind diesmal andere. Und vor allem: Brabec weiß genau, was auf ihn zukommt.
Dahinter: Kontrolle, Kampf und Durchhalten
Während sich an der Spitze alles um Sekunden und Entscheidungen drehte, verlief der Rest der Etappe in einem anderen Rhythmus. Skyler Howes und Adrien Van Beveren eröffneten die Strecke, ließen das Spitzenduo ziehen und zahlten dafür mit Zeit. Dennoch brachte Howes der Tag einen kleinen Erfolg: Er rückte im Gesamtklassement einen Platz nach vorne.
Daniel Sanders hingegen kämpfte weniger gegen die Uhr als gegen seinen eigenen Körper. Die Schulterverletzung machte die ohnehin anspruchsvolle Etappe zu einer Tortur. Ein kleiner Sturz, schwieriges Terrain, wenig Spielraum – und trotzdem brachte er sein Motorrad ins Ziel. Platz 15 war unter diesen Umständen mehr als nur ein Ergebnis. Es war ein Statement.
Für Edgar Canet wurde Etappe 12 zur Lektion in Geduld. Nach einem frühen Navigationsfehler nahm er Tempo raus, verzichtete auf Risiko und setzte den Fokus auf das Wesentliche: ankommen, lernen, weitermachen. Genau solche Tage formen Dakar-Fahrer.
Der letzte Akt
Die Dakar Rally 2026 steht vor ihrem Finale. Eine kurze Etappe, ein überschaubarer Zeitrahmen – und doch genug Raum für Nervosität, Fehler und Emotionen.
Ricky Brabec hat sich mit Ruhe, Erfahrung und einem perfekt getimten Schritt zurück in eine Position gebracht, aus der heraus man keine Heldentaten mehr braucht. Nur Präzision. Luciano Benavides wird kämpfen, bis der letzte Kilometer gefahren ist. Alles andere passt nicht zu ihm. Doch manchmal entscheidet die Dakar nicht darüber, wer am meisten riskiert – sondern darüber, wer weiß, wann es genug ist.
Und genau dort steht Brabec jetzt.
