Jeremy Seewer und Ducati: Ein Projekt zwischen Geduld und Erwartung
Jeremy Seewer gehört seit Jahren zu den Top-Piloten der MXGP.
Der Winter war lang. Vielleicht länger als erwartet. Für Jeremy Seewer bedeutete die erste Saison mit Ducati vor allem eines: Realität. Der dreifache MXGP-Vizeweltmeister kennt das Gefühl, um Siege und Titel zu kämpfen. 2025 aber war anders. Zu viele Stürze, zu wenig Konstanz – und am Ende nur Rang zehn in der Weltmeisterschaft.
Im Gespräch mit Kevin Frelaud blickt der Schweizer offen auf ein schwieriges Jahr zurück, spricht über verlorenes Selbstvertrauen, die Rolle des Motorrads im modernen MXGP und darüber, warum der Weg zurück an die Spitze länger dauert als ursprünglich gedacht.
Ein schwieriger Start in ein neues Projekt
Als Ducati in die MXGP einstieg, war die Aufmerksamkeit groß. Neue Marke, neues Motorrad, neues Kapitel. Mit Jeremy Seewer stand zudem ein Fahrer am Startgatter, der genau weiß, wie sich die Spitze anfühlt. Drei Mal stand der Schweizer in seiner Karriere bereits als Vizeweltmeister auf dem WM-Podium.
Doch der Einstieg verlief komplizierter als gedacht.
Über die gesamte Saison hinweg gelang es nur selten, das vorhandene Potenzial konstant abzurufen. Einzelne starke Wochenenden – darunter auch Top-5-Ergebnisse und vereinzelte Podiumsplätze – zeigten zwar, dass das Projekt grundsätzlich funktionieren kann. Doch über die Distanz von zwanzig Grand Prix fehlte die Stabilität.
Für einen Fahrer, dessen Karriere lange von Konstanz geprägt war, war das ein ungewohntes Bild. Am Ende stand Rang zehn in der Weltmeisterschaft – deutlich entfernt von den Resultaten, die Seewer in den Jahren zuvor regelmäßig geliefert hatte.
Die Realität eines neuen Herstellers
Der Grund dafür liegt nicht allein beim Fahrer. Ducati steht im Motocross noch am Anfang. Während andere Hersteller seit Jahrzehnten Erfahrung sammeln, befindet sich das italienische Projekt noch im Aufbau.
Motocross ist zwar immer noch ein Sport, in dem der Fahrer den Unterschied machen kann – doch der technische Faktor spielt inzwischen eine größere Rolle als noch vor einigen Jahren. Das Feld ist enger zusammengerückt, die Leistungsdichte höher geworden.
Fast jeder Fahrer im MXGP-Feld arbeitet heute auf professionellem Niveau an Fitness, Technik und Vorbereitung. Die Unterschiede entstehen deshalb oft im Detail – und das Motorrad gehört zu diesen entscheidenden Details.
Physisch stärker als je zuvor
Interessant ist dabei: Seewer sieht seine körperliche Verfassung nicht als Problem. Im Gegenteil.
Der Winter verlief aus physischer Sicht optimal. Trainingsumfang, Fitnesswerte und Leistungsdaten sprechen laut dem Schweizer sogar für die beste körperliche Form seiner bisherigen Karriere.
Das Problem liegt an einer anderen Stelle: Diese körperliche Stärke lässt sich derzeit noch nicht vollständig auf der Strecke umsetzen. Ein Umstand, der bei neuen Projekten nicht ungewöhnlich ist – der aber Geduld verlangt.
Kleine Schritte statt großer Revolution
Auch technisch hat sich über den Winter einiges getan, allerdings eher im Detail als durch große Umbrüche.
Die Ducati-Basis blieb weitgehend unverändert. Stattdessen arbeitete das Team an vielen kleineren Anpassungen – insbesondere an Fahrwerk und Geometrie. Ziel war es, einige der Schwächen der ersten Saison zumindest teilweise zu reduzieren.
Solche Entwicklungsphasen gehören bei neuen Motorrädern zum Alltag. Besonders im zweiten Jahr eines Projekts wird häufig an Details gearbeitet, während die grundlegende Plattform bestehen bleibt.
Ein Vorteil gegenüber dem ersten Jahr ist jedoch deutlich spürbar: Es stehen inzwischen mehr Teile und Setup-Optionen zur Verfügung.
Wenn Vertrauen verloren geht
Der schwierigste Teil der vergangenen Saison war allerdings nicht technischer Natur. Vielmehr entwickelte sich im Laufe des Jahres ein mentaler Kampf. Mehrere Stürze und schwierige Rennen hinterließen Spuren. Schritt für Schritt ging ein Teil des Selbstvertrauens verloren – ein Faktor, der im Motocross entscheidend ist.
Denn im MXGP entscheidet oft nicht nur Geschwindigkeit über Erfolg, sondern auch das Gefühl für Risiko. Wer zu früh oder zu hart attackiert, zahlt häufig mit einem Sturz. Gerade auf diesem Niveau lässt sich nichts erzwingen.
Ein neues Umfeld, mehr Struktur
Für die kommende Saison arbeitet Seewer wieder enger mit der Vosters-Struktur zusammen – einem Umfeld, das ihm bereits vertraut ist und das sich inzwischen deutlich weiterentwickelt hat.
Im Vergleich zum ersten Ducati-Jahr verfügt das Team heute über mehr Personal, mehr Erfahrung und insgesamt mehr Möglichkeiten in der Vorbereitung. Der Unterschied ist spürbar. Während das Projekt zuvor noch stark im Aufbau war, wirkt die Struktur heute deutlich stabiler.
Das bedeutet nicht, dass plötzlich alles perfekt funktioniert – aber die Voraussetzungen haben sich klar verbessert.
Ein mentaler Neustart
Die größte Veränderung fand jedoch im Kopf statt. Der Winter wurde für Seewer auch zu einer Phase der Neuorientierung. Die ursprüngliche Erwartung, dass sich das Projekt innerhalb weniger Monate auf Spitzenniveau stabilisieren würde, musste angepasst werden.
Statt kurzfristiger Ergebnisse steht nun ein längerer Entwicklungsprozess im Fokus. Für einen Fahrer, der jahrelang um Siege kämpfte, ist diese Umstellung nicht einfach. Doch genau darin liegt derzeit die Herausforderung: Geduld zu bewahren, ohne die eigenen Ansprüche zu verlieren.
Der Blick nach vorn
Seewers Vertrag läuft noch bis Ende 2026. Kurzfristig ist seine Zukunft also gesichert. Dennoch denkt der Schweizer bewusst realistisch über die kommenden Jahre nach. Er gehört nicht zu den Fahrern, die ihre Karriere bis weit in ihre Vierzig fortsetzen wollen. Irgendwann wird der Moment kommen, an dem ein neuer Lebensabschnitt beginnt.
Doch eines ist für ihn klar: Das Ende seiner Karriere soll nicht im Mittelfeld stattfinden. Der Anspruch bleibt derselbe wie zu Beginn seiner Laufbahn – wieder um Siege zu kämpfen.
Der Weg dorthin könnte länger dauern als ursprünglich gedacht. Doch genau darin liegt vielleicht die spannendste Geschichte dieses Ducati-Projekts: Es geht nicht nur um ein Motorrad. Es geht um einen Fahrer, der beweisen will, dass seine Zeit an der Spitze noch nicht vorbei ist.
